Gründungsinitiativen von Christoph Stückelberger

Gründungsinitiativen von Christoph Stückelberger – und alle Organisationen leben und gedeihen!

Im Durchschnitt und als Prinzip verbleibe ich circa 10 Jahre als Gründungspräsident, um einen stabilen Aufbau zu ermöglichen. Dann gebe ich den Stab weiter, damit die Organisation unabhängig vom Gründer weiterlebt. Im Durchschnitt fand alle 5-9 Jahre die Neugründung einer Stiftung oder Vereinigung statt. Thematisch geht es bei allen Initiativen um ethische, nachhaltige, faire, globale, innovative Entwicklung.

Wow: Feuer im Herzen! Einheit in Vielfalt als Frucht der Pfingst-Revolution

Der Mai gilt in Europa als Wonnemonat, wenn die Natur treibt und blüht, die Liebeslust wächst und traditionell viele Hochzeiten stattfinden. Der Mai ist auch der Monat, wo das christliche Pfingstfest gefeiert wird (wie heute, dem Pfingstsonntag, wo ich diesen Text schreibe). Beides, Liebestrieb und Pfingsten, haben eines gemeinsam : Feuer im Herzen.

Die grosse Blüte der Pfingstrose aus unserem heutigen Garten in Zürich ist wie ein entfalteter Fächer, wie ein weisses Hochzeitskleid, das die Welt umarmt. In der Mitte das goldige Feuer der Staubfäden, das die Blüte und die Welt zusammenhält. Das Bild ist für mich ein Symbol für Pfingsten. Aber ist denn Pfingsten mehr als ein verlängertes Wochenende ? Ja, es ist nicht weniger als der Ursprung einer Weltrevolution, die bis heute an-dauert und weitergeht. Das kam so :

Die Jesusnachfolger/innen hatten turbulente Zeiten hinter sich : Auf die Begeisterung, Jesus mit seiner Vision und seinen Werten nachzueifern, folgte der totale Absturz mit Jesu Hinrichtung am Kreuz als Sektenprediger und Ketzer. Später Karfreitag genannt. Darauf folgten sonderbar scheinende Erscheinungen des Getöteten mit den wenigen Freundinnen und Freunden, die ihn nicht vergessen konnten – später Ostern genannt. Daraus entstanden schüchterne, fragile Hoffnungsmomente dieser winzigen jüdischen ‘Sektengruppe’, dass ihr Leben wieder Sinn habe. Später dann ein Ereignis, das ich als Anfang einer Weltrevolution bezeichne: Pfingsten, griechisch πεντεκοστή/Pentecost (Apostelgeschichte 2,1) heisst einfach ‘fünfzig’ und meint fünfzig Tage nach Ostern. Es ist die Zahl für Erfüllung, Ganzheit, Neuanfang (der Schuldenerlass fand alle sieben Jahre statt und nach 7×7 Jahren, im 50. Jahr, das grosse Erlassjahr der Schuldentilgung und des Neuanfangs, damit alle wieder neu gleiche Startchancen hatten). Dieses Ereignis wird nun so beschrieben (Apg 2,1-13): die Gruppe jener Frauen und Männer, die wieder Mut gefasst hatten, versammelten sich in einem Haus (griech. οίκος, Oikos). Plötzlich erfasste sie eine innere Unruhe, beschrieben als Sturmwind, wo auf jeder und jedem eine Flamme auf dem Haupt erschien. Nachvollziehbarer bezeichne ich es als ‘Feuer im Herzen’, eben wie bei Verliebten. Die Händler der umliegenden Hotels und Bewohner der engen Gassen Jerusalems strömten zusammen, um zu sehen, was sich da ereignete. Diese « Be-geist-erten » mit dem Feuer im Herzen begannen nicht in der eigenen «Club»-Sprache zu sprechen, sondern in den vielen Sprachen der multikulturellen und internationalen Gemeinschaft von Menschen in Jerusalem. Diese kamen von der ganzen damaligen Welt, von Ägypten bis Iran, von der Türkei bis Libyen, von Rom bis Zentralasien (aufgezählt in V.9-10). Es waren «Juden, Kreter/Griechen und Araber» (V.11) « Wir hören sie in unseren Sprachen von den grossen Taten Gottes reden» bezeugten die Menschen dieser Weltstadt.

Weshalb nun nenne ich dieses Pfingstereignis den Ursprung einer Weltrevolution ? Diese kleine Gruppe mit dem «Feuer im Herzen» gewann die Herzen der Menschen, indem sie diese in ihrer eigenen Existenz und Kultur – die Muttersprache ist intimster Ausdruck davon – ernst nahm, die eigenen Werte nicht von aussen aufzwang, sondern in die andere Kultur übersetzte. Ihre Herzen waren voll einfühlsamer und energetischer Liebe (αγάπε/Agape ist das griechische Wort für die göttliche, inklusive, umfassende Liebe). Mit diesem Feuer der Liebe durchbrachen sie die Mauern der damaligen hegemonialen Weltmächte (Rom, Ägypten und Persien sind explizit genannt). Sie bildeten Brücken zwischen Menschen, Kulturen, Machtzentren und Ideologien.

Dieses Feuer führt zum Respekt für Diversität, Vielfalt und Anderssein. Dies ist nur möglich – ohne zu explodieren, zu implodieren oder der Beliebigkeit zu verfallen -, weil der Mut zur Vielfalt mit der Gewissheit der Einheit verbunden ist. Dieses Feuer ist Symbol für die Liebe, die die Welt im Innersten zusammenhält. Wie das gold-gelbe Zentrum der weissen Blume am Anfang dieses Textes. Pfingsten wird damit zum Symbol für Einheit in Vielfalt.

Und das Haus (Oikos) dieser Pfingstgemeinschaft von Frauen, Männern und Kindern wird zum Symbol der Weltgemeinschaft. Oikos im freifachen Sinn von Oikoumene (Ökumene als Gemeinschaft der Kirchen und Religionen), Oikonomia (Ökonomie als faires Teilen der Güter dieser Erde) und Oikologia (Ökologie als Engagement für die ganze Schöpfung). In Zeiten von erneutem Krieg zwischen Juden und Palästinensern, von geführlichen Spannungen USA-China und von Partikularinteressen Post-Covid : Ist Pfingsten da nicht eine umwerfende, umfassende spirituelle, ökonomische, ökologische, politische, soziale und kulturelle Vision und Weltrevolution ? Die Einladung für einen Neuanfang der Weltgemeinschaft Post-Covid. – Yes, we can, mit unserem Feuer im Herzen!

Pfingstsonntag, 23. Mai 2021

«Die goldene Regel ist jetzt wichtiger denn je»

Die Krise ist eine moralische Ausnahmesituation. Ethiker und Theologe Christoph Stückelberger sagt, auf welche Werte es ankommt und welche Osterbotschaft in der Pandemie steckt. Von Sandra Hohendahl-Tesch. Erschienen bei reformiert.

Warum braucht es die Stimme der Ethik in der aktuellen Corona-Krise?

Christoph Stückelberger: In der Pandemie stellt sich unmittelbar die Frage, woran wir uns als Gesellschaft halten und orientieren sollen. Die erste Antwort kommt von der Medizin, von den Virologen. Doch wie sollen wir damit umgehen? Ob man es nun Ethik nennt oder nicht, Wertefragen stellen sich immer, wie zum Beispiel: Was ist uns Gesundheit wert? Wer soll geschützt werden? Wie sind knappe Mittel zu verteilen? In der gegenwärtigen Krise geht es insbesondere um eine Prioritätenabwägung: Welche Werte sind in welcher Situation am wichtigsten? In der ersten Zeit der Pandemie stand die Gesundheit an oberster Stelle und alles andere musste dahinter zurücktreten. Nach zwei drei Wochen setzt nun eine zweite Welle ein. Die Wirtschaft im Sinne von Finanzfähigkeit oder Arbeitsplätzen meldet sich jetzt zurück. Mittelfristig ist die Wirtschaftlichkeit ebenfalls eine Frage um Leben um Tod – Nichts zu essen zu haben geht ja auch ans Lebendige. Weltweit kann die neue Schuldenkrise Millionen von Menschen das Leben kosten.

Es gibt Ökonomen, aber auch Virologen, die eine kontrollierte Infizierung einem Shutdown vorziehen würden. Was sagen Sie als Ethiker: Gilt es, jedes Leben um jeden Preis zu retten, auch wenn daraus ein immenser wirtschaftlicher Schaden für die ganze Gesellschaft resultiert?

Es besteht kein Zweifel daran, dass wir versuchen sollten, umfangreich Leben zu retten und zu erhalten. Gleichzeitig kann der Schutz des Lebens nicht gegen die Ökonomie aufgewogen werden. Denn Ökonomie soll Leben ermöglichen. Wenn das Finanzsystem zusammenkracht, ist die Opferzahl noch viel grösser. Gesundheit und Ökonomie spielen beide eine grosse Rolle, man muss mit Augenmass die entsprechende Güterabwägung vornehmen. Ein einseitiges Setzen auf Massnahmen führt dazu, dass zusätzlich Opfer in Kauf genommen oder produziert werden.

Der Entscheidung über Leben und Tod scheint in dieser Krise plötzlich allgegenwärtig. Ärzte müssen darüber entscheiden, wer beatmet werden soll und wen man sterben lässt.

Ressourcen sollen gerecht verteilt werden, um das Leben möglichst vieler Menschen zu erhalten. So halten es die ethischen Richtlinien der Schweizerischen Gesellschaft für medizinische Wissenschaften SAMW fest. Ganz wichtig gerade in der Pandemie ist der Zusatz, dass Geld, Status oder Berühmtheit einer Person bei der Ressourcenverteilung keine Rolle spielen dürfen. In der Praxis fällen wir ständig Entscheide über Leben und Tod, nicht nur in der Extremsituation der Pandemie. Wie viel Entwicklungshilfe wir leisten und letztlich wie viel wir für eine Mango aus Ghana bezahlen, beeinflusst konkret die Existenzfähigkeit anderer. Wir stehen also nicht plötzlich vor einer neuen Fragestellung, doch sie ist sehr viel bewusster und offensichtlicher, weil sie uns in der Vorstellung, wir müssen ins Spital und können nicht damit rechnen, an die Maschine zu kommen, direkt betrifft. Die Ressourcenverteilung ist die wichtigste Gerechtigkeitsfrage.

Wie meinen Sie das?

Ich nenne ein Beispiel. Als mein Vater, der als reformierter Pfarrer ein erfülltes Leben hatte, im Altersheim war, litt er sehr an der Gerechtigkeitsfrage. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil sein Pflegeheim total rund zehntausend Franken pro Monat kostete und mit diesem Geld hundert erblindete Kinder von ihrer Augenkrankheit hätten geheilt werden können, jeden Monat. Doch auch das Leben im Heim eines sehr alten und oder kranken Menschen ist eben wertvoll und sinnvoll.

Der Wert des vulnerablen Lebens ist in diesen Tagen im Bewusstsein aller. Wir üben uns in Solidarität: alle müssen zu Hause bleiben, um alte und schwache Menschen zu schützen. Kann das auf die Länge gutgehen?

Es ist beeindruckend zu beobachten, wie die Solidarität vorhanden ist und greift. Durch die Bedrohung entdecken wir Tugenden wieder, üben uns in Selbstdisziplin und Bescheidenheit. Das sind gute Signale. Es stellt sich aber die Frage, ob die Solidarität genügend tief in uns verankert ist, oder nur eine pragmatische Notwendigkeit darstellt. Diese würde dann nicht lange anhalten. Sobald es materiell schwierig wird, ist die Solidarität einer extremen Belastung ausgesetzt – hier kommt auch der Glaube ins Spiel, dass Solidarität eine Lebensaufgabe ist. In der Schweiz sind wir noch komfortabel unterwegs. Weltweit, etwa in Afrika, sind die Menschen schon jetzt am Limit der materiellen Möglichkeiten. Mir kommt ein Bild in den Sinn, das ich gestern erhalten habe: Jemand sitzt auf dem Wellblechdach einer Hütte und praktiziert social distancing. Oft leben zehn Menschen auf vier Quadratmetern. In solchen Situationen sind ganz andere Dimensionen von Solidarität gefordert.

Mit anderen Worten: Solange Wohlstand herrscht, ist Solidarität spürbar, wenn die Mittel knapp werden, droht Streit?

Anzeichen der Entsolidarisierung sieht man schon früher, bevor wir in Streit geraten. In der Pandemie entstehen rasch Verschwörungstheorien. Man versucht die innere Solidarität aufrechtzuerhalten, indem man Feindbilder schafft. Zum Beispiel die Chinesen sind an allem schuld. Oder: Warum sollen wir Patienten aus dem Elsass bei uns aufnehmen, wenn wir den Platz vielleicht bald selber brauchen? In der Solidaritätsfrage kann man auf ein simples ethisches Prinzip zurückgreifen, auf die goldene Regel, die in allen Weltreligionen gilt (Bibel Mt 7,12): Behandle den anderen so, wie du selber behandelt werden willst. Wer dem anderen hilft, kann auch auf Hilfe zählen. Helfen ist nicht nur altruistisch, sondern Win-Win.

Sie sprechen Verschwörungstheorien an. In gewissen religiösen Kreisen wird die Pandemie als Strafe Gottes gesehen. Wie denken Sie als Theologe dazu?

Die Bibel hat einen anderen Ansatz, vor allem das Neue Testament: «Gott sandte Jesus nicht in die Welt, um die Menschen zu verurteilen, sondern zu retten/heilen.» (Joh 3,17). Das ist eine wichtige Botschaft, die bei Kirchen und Gläubigen im Vordergrund stehen sollte. Es ist zugleich der Kern der Osterbotschaft: Wir brauchen keine Sündenböcke mehr, sondern ein für allemal hat Jesus das Kreuz auf sich genommen und uns befreit vom ständigen Mechanismus, nach Schuldigen zu suchen. Gott will uns nicht schaden, sondern helfen. Die Auffassung, dass der Glaube uns vor allem Übel schützt, ist leider weit verbreitet: In Südkorea konnte sich das Virus explosionsartig ausbreiten, weil eine Massenkirche weiterhin Gottesdienst feierte. Wir erleben das auch in Afrika. Bis hin zum Zürcher Weihbischof, der an der Vergabe der Hostie festhalten will. Das ist fahrlässig. Und unchristlich. Ich sehe es wie Calvin. Der Genfer Reformator hatte eine schwache Gesundheit und war immer auf Medizin angewiesen. Die Gläubigen wollten ihn auf die Probe stellen, sie forderten ihn auf, auf Medikamente zu verzichten und stattdessen auf Gott zu vertrauen. Er aber war der Ansicht, dass die Medizin von Gott geschickt ist. Ärzte, Pflegepersonal, Medikamente und Impfungen sind Talente und Instrumente Gottes und nicht des Teufels.

Was denken Sie: Führt die Krise einen Wertewandel herbei?

Ja und nein. Wir interpretieren die Pandemie durch die Brille unserer Weltbilder. Ein Nationalist wird noch mehr zum Nationalisten, einer, der für weltweite Offenheit ist, fordert erst recht weltweite Solidarität. Die Pandemie kann nur eine positive Wirkung erzielen, wenn wir von unserer inneren Werteordnung her dafür vorbereitet sind. Sonst droht ein rascher Rückfall in die alten Muster. Ich bin aber sicher, dass der übertriebene Individualismus der letzten Jahrzehnte herausgefordert werden wird. Wir erkennen den Wert von Gemeinschaft. Wie wir selbst auf kleinste Gemeinschaften wie Kernfamilien angewiesen sind. Ich glaube, es wird wesentliche Verschiebungen in der Wahrnehmung geben. Vor allem infolge der wirtschaftlichen Zusammenbrüche. Die weltweite Verschuldung wird Masse annehmen wie in den 80er Jahren, es wird enorme Anstrengungen brauchen, um das zu überwinden und wieder eine einigermassen funktionierende Weltwirtschaft hinzukriegen. Die digitalen Technologien werden an Bedeutung noch zunehmen. Die Nachhaltigkeitsziele sind schwerer zu erreichen. Dennoch bin ich zuversichtlich. Man wird die Bedeutung der multinationalen Organisationen erkennen und wissen, dass die WHO eine unheimlich wichtige, nicht nur koordinierende, sondern prognostizierende und helfende Rolle spielt. Wir sind angewiesen auf internationale Strukturen.

Wenn wir bei den Chancen der Krise sind: Nährt die derzeitige Erholung der Natur durch rigorose Massnahmen des Verzichts vielleicht die Hoffnung, dass Gesellschaft und Politik tatsächlich etwas gegen den Klimawandel unternehmen können?

Es ist gut, wenn wir die Erholung der Natur als Ermutigung sehen. Es zeigt etwa, dass wir auch mit eingeschränkten Flugmöglichkeiten leben und grössere Restriktionen im Flug- oder Autoverkehr verkraften können, um den Klimawandel halbwegs in den Begriff zu bekommen. Jetzt haben wir die Erfahrung, dass die Auswirkungen unmittelbar sichtbar sind, nun braucht es die entsprechende Balancierung mit den wirtschaftlichen Überlegungen, etwa massiv höhere Flug- und Benzinpreise. Die Pandemie zeigt, dass wir sehr viel mehr finanzielle Möglichkeiten haben, als bisher angenommen: Auch um die Klimaziele zu erreichen, werden wir Billionen brauchen.