«Es gibt keine religiöse Rechtfertigung für Korruption»

«Corruption Free Religions are Possible” heisst das neue Buch von Christoph Stückelberger. Der Schweizer Ethiker und Theologe, Gründungspräsident von Transparency International Schweiz, ist davon überzeugt, dass Religionsgemeinschaften jeder Form von Korruption entgegentreten müssen – und können, auch innerhalb der eigenen Reihen.

Der Kampf gegen die Korruption ist für den Schweizer Ethiker und Theologen Christoph Stückelberger schon seit vielen Jahren ein Anliegen.  1995 gründete er Transparency International Schweiz als treibende Kraft – nur zwei Jahre nach der Gründung des internationalen Verbandes. Bis 2003 war er dessen Gründungspräsident.

«Zunächst interessierte mich der private Sektor, besonders die multinationalen Unternehmen, aus Entwicklungssicht. Auch die staatliche Korruption in Entwicklungsländern gehörte dazu», erläutert Stückelberger. Immer mehr sei er dabei auf den Bereich der Korruption im Erziehungsbereich und in den Religionen gestossen.

«Immer dann, wenn Korruption eine ganze Gesellschaft betrifft, betrifft es alle Sektoren der Gesellschaft, also auch Kirchen und Religionen», so Stückelberger. Bereits 2010 veröffentlichte der Ethiker das Buch «Corruption Free Churches are Possible».

Das aktuell erschienene Buch «Corruption Free Religions are Possible» ist die logische Erweiterung auf alle Religionsgemeinschaften, als Zusammenarbeit verschiedener Theologinnen und Theologen, Ethikerinnen und Ethikern sowie Expertinnen und Experten aus allen grossen Religionen und aus aller Welt.

Je hierarchischer, desto anfälliger

«Wie können wir glaubwürdig Werte in der Entwicklungszusammenarbeit vertreten? Das war ein wichtiger Hintergedanke für das Buch», betont Stückelberger. Als ehemaliger Leiter von Brot für alle, dem Schweizer Pendant zu Brot für die Welt, hatte er täglich mit kirchlichen und zivilgesellschaftlichen Partnern in Entwicklungsländern zu tun.

Kirchen und Religionen werden von staatlichen Korruptionsbehörden tendenziell weniger angegangen, so Stückelberger: «Man will niemanden vor den Kopf stossen.» Religionsgemeinschaften haben grundsätzlich einen Vertrauensvorschuss. «Diesen Bonus zu verlieren, ist umso schmerzlicher.»

Innerhalb der Kirchen und Religionsgemeinschaften gibt es grosse Unterschiede, sowohl was Korruption, als auch was deren Bekämpfung betrifft. «Protestantische, presbyterianische und methodistische Kirchen sind sehr viel weniger korruptionsanfällig als orthodoxe, pfingstlerische, charismatische und katholische Kirchen», erklärt Stückelberger.

Je hierarchischer, desto anfälliger, könnte man vereinfacht sagen. Und je mehr sich eine Kirchenleitungsperson allein auf Gott berufe, desto eher vernachlässige sie die Rechenschaftspflicht und transparenz durch irdische Regeln und Gesetze. Gleichzeitig müsse man festhalten, dass es in allen Kirchen mutige Stimmen gegen die Korruption gehe.

Die Offenheit, über Korruption innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaften zu sprechen, ist laut Stückelberger bei den christlichen Religionsgemeinschaften größer als in den anderen Religionen. Im Islam gebe es starke Bemühungen, dies zu ändern, im Hinduismus und Buddhismus allerdings weniger.

Insgesamt gebe es weltweit einen erfreulichen Trend zu mehr Transparenz innerhalb von Religionsgemeinschaften. Dies geschehe freilich in einigen Ländern auch aus einem zunehmenden staatlichen Druck.

Immer schon ein Thema für die Religionen

Alle Heiligen Schriften der grossen Religionen sprechen über Korruption. «Seitdem es Institutionen gibt, gibt es Korruption», fasst Stückelberger zusammen. «Schon die ersten Richter, die im Alten Testament erwähnt werden, wurden vor 2500 Jahren ermahnt, sich nicht schmieren zu lassen.» (2. Mose 23,8) Und noch ein wichtiger Aspekt: Alle Heiligen Schriften wenden sich gegen die Korruption, weil es die Gerechtigkeit verletzt und unfaire Bedingungen schafft.

Der Stimmenkauf bei der Wahl zu einem Führungsamt ist laut Stückelberger das verbreitetste Motiv für Korruption in Religionsgemeinschaften Afrikas und Asiens. «Man kauft sich die Stimmen von Synodalen für ein Führungsamt. Einmal an den Finanztöpfen angekommen, kann man sich dann diese Investition zurückholen.»

Genauso komme es häufig vor, dass Dienstwagen bis zu Grundstücken nach Ablauf der Amtszeit überschrieben werden oder dass Grundstücke über- oder unterpreisig verkauft werden.

Schliesslich gebe es auch das Phänomen der sexuellen Korruption, indem Abschlussnoten oder die Aufnahme an eine gute Schule oder Universität mit sexuellen Gegenleistungen erkauft werden müssen. «Ein trauriges Kapitel, das in allen Religionen vorkommt», so Stückelberger.

Was können die Religionen tun?

«Kurz und bündig: es gibt keine religiöse Rechtfertigung für Korruption», betont Stückelberger. Wer diesen Satz konsequent zu Ende denke, müsse sich als Religionsführerin oder Religionsführer gegen Korruption stellen.

Klare Regeln für Berufungen und Ernennungen in Ämter seien genauso wichtig, betont der Ethiker. «Das bedarf auch der Kontrolle und Durchsetzung von Wahlmechanismen.» Ein heikles Thema seien Sanktionen. «Kirchenleitungen müssen Amtsträgerinnen und Amtsträger sanktionieren und notfalls suspendieren, um zu zeigen, dass sie ihr eigenes Wort ernst nehmen.» Nur dann sei man auch nach aussen glaubwürdig.

«Wenn eine Kirchenleitung ein Statement gegen Korruption im Staat veröffentliche, geschehe es oft, dass die eigenen Mitglieder lächeln, weil sie wissen, wie es im eigenen Haus aussieht», so Stückelberger. Da sei es erleichternd, dass es mittlerweile eine ganze Reihe von Religionspersonen gebe, die an vorderster Front gegen Korruption mobilisierten. So würden verschiedene nationale Sektionen von Transparency International von Religionsführern wie Pfarrern oder Imamen geleitet.

Die Zusammenarbeit zwischen den Religionen kann die Wirkung der Antikorruptionsbemühungen laut Stückelberger stark verbessern. «Besonders in Ländern, wo eine Religion ohnehin unter Druck ist, wird sie sich kaum alleine dem Thema widmen, um nicht noch stärker unter Druck zu geraten.»

Korruption fängt klein an

Die «kleine Korruption» sei ihm in einigen Ländern häufig persönlich begegnet, erinnert sich Stückelberger. «Wenn ich alle paar Kilometer von einem Polizisten angehalten werde, der dann irgendeine Kleinigkeit findet und dafür 3 Dollar haben möchte, um mich weiterziehen zu lassen, das ist schon Korruption», erklärt er.

Ein lokaler Kollege habe ihm dafür einen Tipp gegeben. «Auf jeden Fall eine Quittung verlangen. Und wenn das nicht funktioniert, hatte er immer einige kleine Neue Testamente dabei, die er den Polizisten dann gab. Mit Glaubwürdigkeit und Kreativität war die Sache dann erledigt», schmunzelt Stückelberger. In Kamerun habe eine kirchliche Jugendgruppe einmal täuschend echt aussehende Banknoten bedruckt und diese als Zahlungsmittel an  Polizisten verwendet, wenn diese eine ungerechtfertigte Zahlung verlangten: «Drehten diese dann die Banknoten um, lasen sie einen Aufruf gegen Korruption».

Hinter den Anekdoten, betont der Theologe und Ethiker, steckt allerdings eine wichtige Erkenntnis: «Korruption fängt oft ganz klein an». Deswegen seien Bemühungen gegen Korruption auch immer ein Prozess des Empowerments, der Ermutigung: «Wir alle haben die Pflicht, aber eben auch die Möglichkeit, gegen Korruption aufzustehen.»

Hinweis: Zum kostenlosen Download:

«Corruption Free Religions are Possible» https://www.globethics.net/documents/10131/26882169/GE_Praxis_16_isbn9782889314225.pdf

“Corruption-free Churches are Possible”: https://repository.globethics.net/handle/20.500.12424/175576 

 

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Rückfragen an

Christoph Stückelberger

stueckelberger@president.foundation

Mobile: +41 79 419 68 12

Office : 150, route de Ferney,

CH-1211 Geneva, Switzerland

 

 

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