Das Licht der Erleuchtung

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Licht und Erleuchtung 

Weihnachten ist das Fest des Lichtes und der Lichter. Das Licht dient nicht nur der Orientierung (Beleuchtung) und ist Symbol der Hoffnung in dunkler Nacht. Licht ist auch Symbol für innere Erleuchtung. «Es ist mir ein Licht aufgegangen»: ich habe eine Erkenntnis, eine Einsicht, eine neue Klarheit. Erleuchtung wird allerdings oft verstanden als höchste Stufe der spirituellen höchsten Läuterung und Erkenntnis von Hei-ligen und Gurus, die Erleuchtete werden. Erleuchtung wird er-fahren als eine Einsicht, die mir zu-fällt (zufällig, ungewollt), eine Gabe (Ein-gebung), eine unerwartete Inspiration (der spi-ritus, der innovative, göttliche Geist). Jeder Weltreligion hat ein Lichterfest: Im Christentum Weihnachten, im Hinduismus Divali, im Buddhismus Pavarana, Im Islam Mevlid Kandili, Im Judentum Chanukka etc. 

Hier möchte ich die Bedeutung von Erleuchtung in unseren Alltag zurückholen, am Beispiel von Weihnachten und im in-terreligiösen Kontext. 

Weihnachten: Erleuchtung von Menschen wie Du und Ich 

Maria, das junge, unverheiratete Mädchen ist unerwartet schwanger. Die schreckliche Nachricht wird durch eine En-gelsstimme zu einer Erleuchtung (Lk 1,28ff): Maria kann den Sinn dieser Schwangerschaft erkennen und annehmen und kann Gott dafür danken (Lk 1.46-55: Lobpreis der Maria). 

Josef überlegt sich, die schwangere Geliebte zu verlassen (Mt 1,19). Wiederum eine Engelsstimme bringt ihn zum Entschluss (Erleuchtung), bei Maria zu bleiben (Mt 1,20-24). 

Die Hirten, auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen Ordnung, arm, ohne Würde, auf kargem Land, erhalten eine Erleuchtung durch eine ‘Engelschar’, dieses uneheliche Kind zu suchen. Erleuchtung als Auftrag, neuen Le-benssinn und neue Würde. (Lk 2,8-20) 

Die Könige/Weisen (Herrscher und Intellektuelle) sind überzeugt zu wissen, was sie wollen. Zielstrebig reisen sie zum weltlichen Herrscher Herodes, um rechtzeitig dem neugeborenen Königsnachfolger die Ehre zu erweisen, also schon für die Zukunft ihre Interessen zu sichern und zu lobbyieren. Doch wiederum eine Erleuchtung (Engel) wirft 2 

ihre Wertordnung über den Haufen und stellt sie auf den Kopf: Was unten ist, ist plötzlich oben; ein armes Kind in einem Slum soll König sein. 

Engel sind Symbol für die Energie, die – oft unerwartet – Erleuchtung bringt. 

Erleuchtung als Hereinbrechen oder kontinuierlicher Weg 

Erleuchtung entsteht im Dialog, in Begegnung mit Menschen oder inneren Stimmen (Botschaftern, Engel genannt): Maria mit dem Engel und Elisabeth, Hirten mit Engel, die reichen Könige mit der armen Maria etc. Erleuchtung ist nicht ein Sonntagsspaziergang. Erleuchtung ist Erschütterung, umwerfende Infragestellung, Ruf zur Neuorientie-rung. Deshalb ist Widerstand natürlich: ‘Ich kann nicht, ich will nicht’ (Beispiel Jonas, Paulus etc.). Um mich zu schützen, setze ich mich dieser Wahrheit lieber gar nicht aus – bis ‘es’ eben doch hereinbricht. Andere wiederum suchen gezielt, ein Leben lang, Schritt für Schritt, durch Meditation, Studium der Heiligen Texte und Übungen. Alle Religionen kennen diese Praxis des Weges zur Erleuchtung, die Dharma-Religionen (Buddhismus, Hinduis-mus, Daoismus, Jainismus) mit klaren Stufen, die Abrahamitischen Religionen mehr durch Glaube und Umkehr. 

Christen und Buddhisten unterstützen sich auf ihren Wegen zum Licht der Erleuchtung 

Seit einiger Zeit habe ich, oft zufällige, interessierte Dialoge mit Buddhistinnen aus Vietnam in Genf: Anh Tho war Mitarbeiterin bei Globethics.net, jetzt pensioniert und Herausgeberin mit mir einer Buchreihe über vietnamesische Ethik, Hong war Mitarbeiterin bei Geneva Agape Foundation, ihre Schwester Huong, Künstlerin, die die tibetische alte Heilige Schrift lernt, und Ithi, die Reflexologin, die mir ein Buch eines vietnamesischen Buddhisten schenkte: «Bouddha et Jésus sont des frères» von Thich Nhat Hanh. Alle vier sind verheiratet mit europäischen Christen. Sie sind interessiert, durch mich den jesuanischen Weg der Erleuchtung und Ethik besser zu verstehen und ich bin interessiert, ihren Weg des gelebten buddhistischen Weges besser zu verstehen. Moderne Mission: nicht als Bekeh-rung des andern zum eigenen Glauben, aber zur Vertiefung des eigenen Glaubens in der Begegnung mit den An-dersglaubenden, mit viel Respekt, Neugier und Sorgfalt. Dies kommt auch im musikalischen Zusammenspiel «Beyond. Christian and Buddhist prayers» zum Ausdruck (siehe am Schluss), wo die Sängerin Regula Curti aus Zürich durch ihre Begegnung mit der tibetischen Buddhistin Dechen Shak-Dagsay aus Rikon/ZH den Weg zu den altchristlichen klassischen Gesängen zurückgefunden hat. 

Im Buddhismus heisst Budh in Sanskrit aufwachen, erkennen, verstehen. Buddha ist der Erwachte, Erleuchtete. Der achtfache buddhistische Pfad ist der Weg zum Licht, zur Erleuchtung. Eine zentrale Tugend dabei ist Mitgefühl, Compassion: sich in den andern einfühlen, «pratiquer le regards profond», hinter der Oberfläche den Menschen in seinen Nöten, Ängsten und Freuden erkennen. Diese Compassion verbindet Menschen mit buddhistischen und christlichem Glauben. Weihnachten ist Ausdruck des immensen Einfühlens Gottes in die Not der Menschen. Liebe durch verstehen, annehmen und überwinden ist beiden Ansätzen gemeinsam. Erleuchtung ist nicht abgehobene Jenseits-Spiritualität, sondern heisst, die Energie und Kraft der Liebe freisetzen, das «Kind ins uns» erwecken und leuchten lassen, wie meine buddhistischen Kolleginnen sagen. Und ich füge an: Das Jesuskind als Anfang des Weges zur erleuchteten Liebe finden, wie die Hirten und Könige. 

Erleuchtung/Enlightenment durch Vernunft 

Das Zeitalter der Aufklärung setzte auf das Licht der Vernunft (Aufklärung: Age of Enlightenment, franz. Lumières) gegenüber dem ‘dunklen’ Mittelalter. Vernunft war und ist wichtig für rationale Entscheide in allen Lebensberei-chen, gerade heute in der Krise, wie die Covid-Pandemie zeigt. 3 

Doch Vernunft und sogenannt rationale Argumente genügen in Krisenzeiten nicht und haben auch in der Geschichte nie genügt. Viele lehnen rationale Argumente z.B. der wissenschaftlichen Impferkenntnisse, ab und flüchten sich in Verschwörungstheorien, den Wahn der Verfolgung von Andersdenken und blinden Wunderglauben. Wie nun vorwärts zum Licht und zur Erleuchtung? Jesus hat schon den Weg gezeigt: Angesichts einer hungernden Menge befahl Jesus den Jüngern ganz rational, Nahrung im nächsten Dorf zu kaufen (Mk 6,37) statt auf ein übernatürliches Wunder zu hoffen; den Teufel, der ihn versuchen wollte, unvernünftig von einer Mauer zu springen, um seine Göttlichkeit zu beweisen, schickte er weg (Lk 4,5f). Jesus verband Vernunft und Weisheit in der Liebe zu Gott, dem Schutz von sich selber und der Fürsorge für die Nächsten. 

Erleuchtung durch Wissenschaft und Weisheit 

Die ‘Wissenschaftsgläubigkeit’ hat heute tiefe Risse, nicht nur in Afrika, Asien und Südamerika, sondern auch in Nordamerika und Europa. Die Post-moderne ist auch eine Kritik der Vernunft als einziger Quelle des ‘Lichtes’ und der ‘Erleuchtung’. Während Jahrtausenden haben Forscher Vernunft und Glauben verbunden, z.B. in hinduistischen, buddhistischen und christlichen Klöstern weltweit. Der Weg der Erleuchtung hat grosse Denker und Wissen-schaftlerinnen immer zu grosser Bescheidenheit geführt: «Ich weiss, dass ich nichts weiss» (Sokrates), «Bescheidenheit schickt sich für den Gelehrten, aber nicht für die Ideen, die in ihm wohnen» (Marie Curie). «Das Universum ist nicht nur fremder als wir denken, sondern fremder als wir überhaupt denken können» (Werner Heisenberg). «Politics of Being. Wisdom and Science for a New Development Paradigm” heisst das demnächst erscheinende Buch des französischen Umweltwissenschaftlers und Buddhisten, der mich vo eine paar Tagen hat, als christlicher Ethiker sein Buch zu kommentieren. «Gerechtigkeit und Frieden küssen sich» (Psalm 85,11). Wissen und Weisheit umarmen sich. 

Das Licht der Erleuchtung: Liebe 

Der ganzheitliche Weg der Erleuchtung verbindet Rationalität und Spiritualität, Wissenschaft und Glauben. Er ver-eint sich in der einen, vereinenden und umfassenden Perspektive der Liebe. Sie prägt dann alle Entscheide in Wis-senschaft und Forschung, Wirtschaft und Politik, Familie und Freizeit, Sport und Kunst. 

Weihnachten ist das Fest des Lichtes. Das Licht zeigt den Weg zur Erleuchtung. Erleuchtung zeigt sich in der Liebe. Liebe zeigt sich (nicht in einem grossen Erleuchtungsmoment, sondern) in alltäglichen kleinen Schritten. 

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Lied: «Mache Dich auf und werde Licht, denn Dein Licht kommt.» als Zoom Chor Dezember 2020 (Badischer Jugendchor) 

Musik: Beyond. Buddhist and Christian Prayers. Album Regula Curti, Dechen Shak-Dagsay, Tina 

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