© Tages-Anzeiger; 2001-09-19; Seite 5
Hintergrund
TRIBÜNE
Es gibt Alternativen zur
Vergeltung
Die USA sollen auf blinde
Racheakte verzichten, weil sie damit nur neuen Hass schüren, sagt ein Pfarrer
und Entwicklungshelfer.
Die Globalisierung der
Solidarität wurde in den letzten Tagen an eindrücklichen Zeichen sichtbar. Auf
den Schock über die grauenhaften Attentate in den USA folgte eine Welle der
Solidarität: Die drei Schweigeminuten in zahlreichen Ländern einerseits, die
materielle Hilfe und der internationale Wille zur Terrorismusbekämpfung
andrerseits. In einer Blitzentscheidung bewilligte der US-Kongress 40
Milliarden Dollar für den Krieg gegen den Terrorismus. Eine verständliche
Reaktion. Ein entschiedener Kampf gegen den internationalen Terrorismus, der
Sicherheit, Bewegungs- und Religionsfreiheit und den Frieden gefährdet, ist
wichtig. Die entscheidende Frage ist dabei aber, wie das gelingen kann. Um eine
Strategie zu finden, sind erst die Wurzeln des Hasses gegen die USA zu klären.
Ich erhielt in den letzten
Tagen viele Stellungnahmen von Partnern der Entwicklungszusammenarbeit in
Afrika, Asien und Lateinamerika. Sie alle verurteilen die Attentate klar und
bejahen den Kampf gegen den Terrorismus. Sie alle spiegeln aber auch die tiefe
Frustration in ihren Ländern über die USA. Diese ist in keiner Weise auf die
arabischen Länder beschränkt. Die Wurzeln des Grolls, der leicht in Hass
umschlagen kann, sind unter anderem folgende: Dasselbe Parlament, das sofort
und einstimmig 40 Milliarden Dollar gegen den Terrorismus bewilligt hat, ist
dafür verantwortlich, dass die Weltmacht USA jährlich nur rund 8 Milliarden
Dollar (0,1 Prozent des Bruttosozialprodukts) als Entwicklungshilfe leisten und
damit mit Abstand das Schlusslicht aller Industrieländer bilden (die Schweiz
zahlt prozentual dreimal mehr, die nordeuropäischen Länder acht- bis zehnmal
mehr).
Die Frustration über die USA
wird zusätzlich durch viele leidvolle Erfahrungen geschürt. Etwa, weil die
Hilfe der USA oft an Bedingungen gebunden ist, die von reinen Eigeninteressen
geleitet sind; weil der "Staatsterrorismus" bei Regierungsputschen in
vielen Ländern vom CIA unterstützt wurde; die hegemoniale Weltmacht die
gesetzlichen Verpflichtungen bei der Zahlung der Uno-Beiträge nicht einhält und
an vielen internationalen Uno-Konferenzen globale Fortschritte z. B. im
Umweltbereich zu Gunsten der Entwicklungsländer blockiert.
Was tun? Die Drahtzieher des
internationalen Terrorismus müssen verurteilt werden. Gleichzeitig sollen die
USA auf blinde Racheakte verzichten, die nur neuen Hass schüren. Besonders aber
soll die Hilfe und Zusammenarbeit, auch in arabischen und andern islamischen
Ländern, verstärkt werden. Aktuelles Beispiel dazu: In Afghanistan droht nach
einer dreijährigen Dürreperiode ein Massensterben im kommenden Winter. 5,5
Millionen Menschen - fast die Bevölkerung der Schweiz - werden von der
Nahrungsmittelhilfe des Uno-Hungerprogramms abhängen, um überleben zu können.
Gleichzeitig wurden alle Ausländer aufgefordert, das Land zu verlassen. Der
Programmbeauftragte des kirchlichen Partnerhilfswerks Christian Aid in Grossbritannien
versandte deshalb einen Hilferuf. Vergessen wir diese Menschen nicht. Sie sind
genauso unschuldig wie die Menschen in den USA.
So geben die international
eingehaltenen drei Schweigeminuten für die US-Opfer Hoffnung, dass dereinst
durch die wirklich globalisierte Solidarität international drei Schweigeminuten
für die Flutopfer in Bangladesh, Indien oder Moçambique ebenso grosses Echo
finden werden und Schweigeminuten für Hungeropfer in Afghanistan nicht nötig
sind, weil die Hilfe rechtzeitig eintraf.
Christoph Stückelberger,
50, ist Pfarrer, Zentralsekretär der Hilfsorganisation "Brot für
alle" und Dozent für Wirtschaftsethik an der Universität Basel. Christoph Stückelberger
lebt in Zürich. (TA)