© Tages-Anzeiger; 2001-09-19; Seite 5

Hintergrund

TRIBÜNE

Es gibt Alternativen zur Vergeltung

Die USA sollen auf blinde Racheakte verzichten, weil sie damit nur neuen Hass schüren, sagt ein Pfarrer und Entwicklungshelfer.

Von Christoph Stückelberger

Die Globalisierung der Solidarität wurde in den letzten Tagen an eindrücklichen Zeichen sichtbar. Auf den Schock über die grauenhaften Attentate in den USA folgte eine Welle der Solidarität: Die drei Schweigeminuten in zahlreichen Ländern einerseits, die materielle Hilfe und der internationale Wille zur Terrorismusbekämpfung andrerseits. In einer Blitzentscheidung bewilligte der US-Kongress 40 Milliarden Dollar für den Krieg gegen den Terrorismus. Eine verständliche Reaktion. Ein entschiedener Kampf gegen den internationalen Terrorismus, der Sicherheit, Bewegungs- und Religionsfreiheit und den Frieden gefährdet, ist wichtig. Die entscheidende Frage ist dabei aber, wie das gelingen kann. Um eine Strategie zu finden, sind erst die Wurzeln des Hasses gegen die USA zu klären.

Ich erhielt in den letzten Tagen viele Stellungnahmen von Partnern der Entwicklungszusammenarbeit in Afrika, Asien und Lateinamerika. Sie alle verurteilen die Attentate klar und bejahen den Kampf gegen den Terrorismus. Sie alle spiegeln aber auch die tiefe Frustration in ihren Ländern über die USA. Diese ist in keiner Weise auf die arabischen Länder beschränkt. Die Wurzeln des Grolls, der leicht in Hass umschlagen kann, sind unter anderem folgende: Dasselbe Parlament, das sofort und einstimmig 40 Milliarden Dollar gegen den Terrorismus bewilligt hat, ist dafür verantwortlich, dass die Weltmacht USA jährlich nur rund 8 Milliarden Dollar (0,1 Prozent des Bruttosozialprodukts) als Entwicklungshilfe leisten und damit mit Abstand das Schlusslicht aller Industrieländer bilden (die Schweiz zahlt prozentual dreimal mehr, die nordeuropäischen Länder acht- bis zehnmal mehr).

Die Frustration über die USA wird zusätzlich durch viele leidvolle Erfahrungen geschürt. Etwa, weil die Hilfe der USA oft an Bedingungen gebunden ist, die von reinen Eigeninteressen geleitet sind; weil der "Staatsterrorismus" bei Regierungsputschen in vielen Ländern vom CIA unterstützt wurde; die hegemoniale Weltmacht die gesetzlichen Verpflichtungen bei der Zahlung der Uno-Beiträge nicht einhält und an vielen internationalen Uno-Konferenzen globale Fortschritte z. B. im Umweltbereich zu Gunsten der Entwicklungsländer blockiert.

Was tun? Die Drahtzieher des internationalen Terrorismus müssen verurteilt werden. Gleichzeitig sollen die USA auf blinde Racheakte verzichten, die nur neuen Hass schüren. Besonders aber soll die Hilfe und Zusammenarbeit, auch in arabischen und andern islamischen Ländern, verstärkt werden. Aktuelles Beispiel dazu: In Afghanistan droht nach einer dreijährigen Dürreperiode ein Massensterben im kommenden Winter. 5,5 Millionen Menschen - fast die Bevölkerung der Schweiz - werden von der Nahrungsmittelhilfe des Uno-Hungerprogramms abhängen, um überleben zu können. Gleichzeitig wurden alle Ausländer aufgefordert, das Land zu verlassen. Der Programmbeauftragte des kirchlichen Partnerhilfswerks Christian Aid in Grossbritannien versandte deshalb einen Hilferuf. Vergessen wir diese Menschen nicht. Sie sind genauso unschuldig wie die Menschen in den USA.

So geben die international eingehaltenen drei Schweigeminuten für die US-Opfer Hoffnung, dass dereinst durch die wirklich globalisierte Solidarität international drei Schweigeminuten für die Flutopfer in Bangladesh, Indien oder Moçambique ebenso grosses Echo finden werden und Schweigeminuten für Hungeropfer in Afghanistan nicht nötig sind, weil die Hilfe rechtzeitig eintraf.

Christoph Stückelberger, 50, ist Pfarrer, Zentralsekretär der Hilfsorganisation "Brot für alle" und Dozent für Wirtschaftsethik an der Universität Basel. Christoph Stückelberger lebt in Zürich. (TA)