[Buchbesprechung für OeKU und informell, Schweiz, Frühling 2004]
Kurt Zaugg-Ott: Entwicklung oder Befreiung? Die Entwicklungsdiskussion im Ökumenischen Rat der Kirchen von 1968 bis 1991, Lembeck Verlag, Frankfurt 2004, 458 S., Fr. 60.-
Bedeutet Entwicklung nachholende Modernisierung des Südens oder Befreiung aus Abhängigkeit von Industrieländern? Sollen Transnationale Konzerne bekämpft oder sollen sie zum Dialog herausgefordert werden? Hat Gerechtigkeit für Arme Vorrang vor Bewahrung der Schöpfung oder ist beides gleich wichtig? Sind lösungsorientierte Sachanalysen oder befreiende Glaubensbekenntisse die den Kirchen angepasste Form des Zeugnisses in der Welt? Ist primäre Aufgabe der ökumenischen Bewegung der Aufbau von Gegenmacht (zusammen mit nichtkirchlichen Bewegungen) gegen die unterdrückenden Mächte oder die Bemühung um Einheit als Beitrag zu Konfliktlösungen in der Welt?
Solche Fragen sind in der kirchlichen Umwelt- wie Entwicklungsarbeit auch heute aktuell, wenn auch teilweise unter andern Begriffen. Im Reformierten Weltbund ist die Auseinandersetzung um den processus confessionis gegenüber Neoliberalismus nicht ausgestanden, die Debatten um die richtige Antwort und Strategie zur Globalisierung sind vital, das Verhältnis von Gerechtigkeits- und Umweltaspekten in Entwicklungsprojekten ein ständiger Kampf um knappe Mittel, die Suche nach geeigneten Strukturen wie der OeKU oder der kirchlichen Hilfswerke eine Herausforderung.
Der Leiter der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Kirche und Umwelt OeKU in Bern legt in seiner nun als Buch vorliegenden Dissertation eine sorgfältige und gründliche Übersicht über die Entwicklungsdiskussion im Ökumenischen Rat der Kirchen vor. Er wählt den Zeitraum von vier Vollversammlungen, von Uppsala 1968 über Nairobi und Vancouver bis Canberra 1991, institutionell vom Aufbau von SODEPAX und des ÖRK-Entwicklungsdienstes CCPD bis zur grundlegenden Reorganisation des ÖRK 1991.
Die Untersuchung zeigt, dass der ÖRK besonders in den 70er und 80er Jahren immer wieder innovativ Themen und Tendenzen prägend in die internationale Diskussion einbrachte. Dass der ÖRK den Begriff der nachhaltigen Entwicklung (sustainability) vor der UNO schon 1974 prägte und damit trotz Widerständen der Entwicklungsländer ein Wegweiser wurde, ist wenig bekannt. Der im ÖRK in den 70er Jahren geprägte Begriff der „menschlichen Entwicklung“ wurde ab 1990 zum Titel und Programm des jährlichen Berichts des UNO-Entwicklungsprogramms. Auch die klare befreiungstheologische Option für die Armen erhielt durch den ÖRK im nichtkatholischen Raum weltweite Beachtung. In der kritischen Auseinandersetzung mit Transnationalen Konzernen war der ÖRK lange an vorderster Front. Wie ein roter Faden zieht sich aber durch diese Jahrzehnte die Auseinandersetzung zwischen christlichem Pragmatismus und befreiungstheologischem Radikalismus, zwischen dem auf Lösungsvorschläge in multilateralen Institutionen ausgerichteten Ansatz von „Kirche und Gesellschaft“ und dem zunehmend auf radikale Negation des bestehenden Systems und auf bekennenden Widerstand ausgerichtete Haltung. Kurt Zaugg verhehlt in kommentierenden Abschnitten nicht, dass er den deklamatorischen, oft in apokalyptisch anmutender Sprache formulierten Radikalismus, der den Widerstand gegen die zerstörerischen Marktmächte zum Glaubenskampf zwischen dem Reich des Guten und des Bösen erhebt, als wenig weiterführend beurteilt. In den kurzen Kommentaren des Autors fehlt leider eine systematisch-methodische ethische Begründung seiner Bemerkungen, die damit etwas zufällig erscheinen. Interessant ist, dass nach der in diesem Buch untersuchten Periode 1995 eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der Entwicklungsthematik im ÖRK stattfand, die kritische Bemerkungen wie jene von Zaugg selbst formuliert hat (Brot für alle veröffentlichte diese ÖRK-Stellungnahme deutsch, mit einem Kommentar von Brot für alle, in der Reihe Entwicklungspolitische Impulse Nr. 3/1996).
Das Buch hilft, gegenwärtige ökumenische Entwicklungs- und Umweltdiskussionen in ihrer historischen Entwicklung zu verstehen, sich von klaren Positionen ermutigen zu lassen, von zeitbedingten Fehleinschätzungen und Verengungen zu lernen und das eigene Handeln in der Schweiz als Teil weltweiter Ökumene zu verstehen.
Christoph Stückelberger
Zentralsekretär von Brot für alle