Transparency International Schweiz, Bulletin April 2004, Editorial

 

Korruptionsbekämpfung: Kritische Therapiephase

 

Von Christoph Stückelberger*

 

Was ist mit Antikorruptionsbemühungen in den letzten acht Jahren, seit Transparency International Schweiz besteht, erreicht worden? Wo stehen wir? Wie soll es weitergehen? Zurückblicken, um besser nach vorn schauen und den zukünftigen Weg erkennen zu können – dies war das Ziel meiner Standortbestimmung anlässlich der letzten Generalversammlung von TI Schweiz.

 

Korruption kann mit einer Krankheit wie Alkoholismus verglichen werden. Das Suchtverhalten ist nicht von ökonomisch oder politisch rationalem Verhalten geprägt, sondern von Zwangsmechanismen, Abhängigkeiten, Irrationalitäten mit (selbst-)zerstörerischer Wirkung. Heilungsprozesse durchlaufen spezifische Phasen. In der Heilung von Alkoholismus wie von Korruption erkenne ich sechs Phasen:

 

1. Rechtfertigung: „Ich bin doch nicht süchtig, ich könnte jederzeit aufhören.“ Sprachliche Verschleierung: „Es geht nicht um Korruption, sondern um eine Geschenkkultur, um nützliche Nebenausgaben.“

2. Problemdruck: „Die Höhe der verlangten Schmiergeldzahlungen kommt an die ökonomische Schmerzgrenze unseres Unternehmens. So kann es nicht weitergehen.“ „Wir brauchen strafrechtliche Verschärfungen.“ Der ökonomische und politische Druck steigt. Das bisherige Gespräch nur unter vier Augen über Korruption weicht der öffentlichen Debatte.

3. Anerkennung: „Ich bin süchtig, ich brauche Hilfe.“ „Unsere Gesellschaft ist korrupt, wir brauchen gemeinsame Anstrengungen.“

4. „Entzugsprogramm“: „Ich bin froh um das geplante Entzugsprogramm, ich sehe eine Lösung.“ „Wir sind stolz auf die staatlichen Antikorruptionsprogramme und firmeninternen Verhaltenskodizes.“ Die Diskrepanz zwischen Worten und Verhalten steigt.

5. Therapie: „Null-Alkohol ist eine verdammt harte Therapie.“ „Die OECD-Konvention gegen Korruption beginnt mit nationalen Gesetzen zu greifen.“ „Der politische Widerstand zur Umsetzung der Antikorruptionsprogramme ist hart.“

6. Heilung: „Grossartig, ich lebe suchtfrei! Ich muss aber ständig aufpassen, keinen Rückfall zu erleiden.“ „Zero tolerance ist erreicht. In Sektoren A und B ist sie erreicht, in Sektoren C und D ist die Rückkehr der Korruption mit einem Regierungswechsel aber nicht ausgeschlossen.“

 

In den letzten acht Jahren, seit ich TI Schweiz gegründet habe, sind national wie international eindrückliche Schritte von Phase eins zu Phase vier unternommen worden. Während die Abwehr bei Unternehmen wie politischen Stellen und der Zivilgesellschaft anfangs der 90er Jahre noch stark war, ist heute Korruptionsbekämpfung zumindest verbal ein Allgemeingut, Rezepte und „Entzugsprogramme“ sind weltweit entwickelt und Therapien eingeleitet. Doch gerade darin liegt auch das Gefährliche. Es könnte zum Erlahmen der Anstrengungen verleiten in der Annahme, der Turnaround sei nun geschafft. Weit gefehlt. Korruption ist erfinderisch. Sie arbeitet mit neuen, noch raffinierteren Mechanismen weiter, unterläuft verschärfte Gesetze, erfindet neue Sprachverschleierungen. Deshalb ist die nächste Wegstrecke von Phase vier bis zur Heilung in Phase sechs noch anspruchsvoller als die erste Hälfte des Bergaufstieges. Die Motivation ist noch stärker gefordert. Hartnäckig weiterfahren auch ohne öffentlichen Applaus braucht viel innere und strukturelle Stärke. Aber die erste Erfolgsphase gibt Mut, dass Heilung möglich ist. So wünsche ich Transparency International Schweiz für die nächsten Schritte viel Energie, Phantasie und Bündnispartner – und Geld. Sie, liebe Leser/innen, bleiben sicher dran. Ich auch.

 

Prof. Dr. Christoph Stückelberger, Zentralsekretär von Brot für alle und Professor für Ethik an der Universität Basel, war Gründungspräsident und zuletzt Vizepräsident von TI Schweiz. An der GV im März ist er infolge Amtszeitbeschränkung von acht Jahren zurückgetreten. Die Folien des Referats finden Sie unter www.transparency.ch