(Mehrkantone-KB, 8.12.2001)

 

Antikorruptionsfest

 

Die Politiker und Kirchenführer „sollen freiwillig ihr Vermögen deklarieren, um Korruption zu vermindern und Transparenz zu erhöhen.“ Vor kurzem, an einem kalten adventlichen Abend, erhielt ich diese heisse Botschaft als e-mail aus Indien. Sie war Teil eines „Verhaltenskodex für Transparenz“, den Verantwortliche verschiedener indischer Kirchen verabschiedeten.

 

Unter Korruption leiden Millionen von Menschen weltweit: Wo Geld unrechtmässig in die falschen Taschen fliesst, wächst der Graben zwischen Arm und Reich, entstehen Investitionsruinen von Firmen, deren Investitionen nicht der Entwicklung im Dienst der Menschen dienen, wachsen Umweltschäden und Terrorismusgefahren. Wo durch Korruption Urwälder abgeholzt werden, nützen auch fortschrittliche Umweltgesetze wenig. Wo Wahlen gekauft werden, stirbt die Demokratie. Wer Schmiergeld entgegennimmt, wird erpressbar. Deshalb hat sich „Brot für alle“ die Korruptionsbekämpfung auf die Fahne geschrieben. Korruption spielt sich immer – das gehört zu ihren Wesenszügen – im Dunkeln ab. Die Zahlungen geschehen unter dem Tisch durch und nicht auf dem Tisch, unter vier Augen und nicht demokratisch kontrolliert. Korruption scheut das Licht. Transparenz – das Durchscheinenlassen von Licht – ist  deshalb die Gegenmacht zur Korruption. Wahrheit sucht das Licht.

 

Dies ist nicht nur ein zentrales wirtschaftliches oder politisches Spannungsfeld, sondern trifft die Mitte des christlichen Glaubens. „Das Licht ist in die Welt gekommen, aber die Menschen hatten die Dunkelheit lieber als das Licht, denn ihre Taten waren schlecht. Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und bleibt im Dunkeln. Aber wer der Wahrheit gehorcht, kommt zum Licht“, schrieb der Evangelist Johannes (3,29) über Jesu Ankunft. Deshalb sind die Adventskerzen neben der emotionalen Seelennahrung auch Hoffnungszeichen politischen Aufbruchs. Die indischen Mitchristinnen und Mitchristen haben mit ihrem „Kodex für Transparenz“ ein solches Adventszeichen gesetzt. Sie sind uns Ermutigung, das zu leben, wozu schon Jesaja aufforderte: „Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt.“ (60,1). Damit wird Weihnachten als Fest des Lichts zum Antikorruptionsfest, zum Fest der Transparenz.

 

Christoph Stückelberger