Kartoffel-Ethik

 

Prof. Dr. Christoph Stückelberger

 

25 Kilogramm Kartoffeln für 3 Euro im Supermarché in Frankreich. Zuerst traute ich meinen Augen nicht: 18 Rappen pro Kilo neuer Bintje-Kartoffeln! Dann packte mich die Wut: Auf wessen Kosten geht dieser Preis? „Da kann doch etwas nicht stimmen“, meinte meine Frau. Ja, was stimmt denn nicht?

 

Viele Landwirtschaftspreise decken die Kosten nicht, nicht einmal die Produktionskosten und schon gar nicht die ökologischen Kosten, nicht nur in der EU, sondern auch in der Schweiz. Die Industrieländer geben zusammen jährlich 50 Milliarden Dollar für Entwicklungszusammenarbeit aus. Gleichzeitig stützen sie aber ihre eigene Landwirtschaft allein für Agrarexportsubventionen mit 350 Milliarden Dollar, also sieben Mal mehr! Als Konsumentinnen und Konsumenten zahlen wir also zuwenig für die Nahrungsmittel, zahlen als Steuerzahler aber drauf, damit die Landwirte ihre Produkte wenigstens im Export noch loswerden und so zu einem halbwegs tragbaren Einkommen kommen. [Damit machen wir zudem die armen Bauernbetriebe im Süden kaputt, die ihre eigenen Produkte wegen der subventionierten Produkte aus dem Norden nicht verkaufen können.] In der Schweiz werden heute durchschnittlich nur noch 8,3 Prozent des Haushaltbudgets für Nahrungsmittel ausgegeben (für Versicherungen ohne Sozialversicherungen 11,3 Prozent)! In Äthiopien brauchen die Menschen 70-80 Prozent ihres Geldes für die Nahrung. Beide Extreme sind ungesund. In Afrika bleibt kein Geld für Bildung, Kleidung, Gesundheit und Sicherheit und bei uns sind die Landwirtschaft und die Böden wegen der zu tiefen Preise krank.

 

Was würde denn ethisch stimmen? „Die Preise müssen die Wahrheit sagen“, lautet die berühmt gewordene These zur nachhaltigen Wirtschaftspolitik von Ernst Ulrich von Weizsäcker. Sie müssen die wahren Kosten spiegeln: Leistungsgerechtigkeit heisst eine gerechte Entlöhnung der bäuerlichen Leistung, ökologische Gerechtigkeit erfordert eine Bezahlung der Leistungen der Natur, indem man ihr nur soviel entnimmt, dass sie nachhaltig gesund bleibt. Verteilungsgerechtigkeit bedeutet, dass die Erträge der Landwirtschaft weltweit gerecht verteilt werden.

 

So ginge es allen besser: Als Konsumenten zahlen wir kostendeckende, d.h. leicht höhere Agrarpreise, als Steuerzahler aber weniger durch Abbau der staatlichen Agrarexportsubventionen. Wenn nur ein Teil dieser eingesparten 350 Milliarden Dollar der Industrieländer zudem benutzt würden, um die Entwicklungshilfe endlich auf das an den internationalen Konferenzen wie in Monterrey letzten Frühling versprochene Niveau anzuheben, dann wäre allen geholfen.

 

Die Preistreiberei der Agrarprodukte nach unten führte in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg – nicht zuletzt wegen der zwei Grossverteiler – zu einer wichtigen Entlastung der Haushaltsbudgets. Heute ist aber bei manchen Produkten eine wirtschaftsethisch und entwicklungsethisch nicht mehr vertretbare untere Grenze dieser Preise erreicht. Der Anteil der Haushaltausgaben für die Nahrung muss wohl in Zukunft wieder etwas steigen. Dies ist auch für kleinere Haushaltbudgets vertretbar. Also: mit gutem Gewissen gute, das heisst gerechte Agrarpreise bezahlen. Das ist die Folgerung dieser Kartoffel-Ethik.

 

Als Artikel erschienen in: Alpha (Beilage Tages-Anzeiger), Zürich, 9./10. November 2002