“Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Dieser berühmte Spruch von Bert Brecht ist zu erweitern: Zuerst braucht es die Moral, damit Nahrung für alle zur obersten Priorität wird. Die diesjährige Aktion von Brot für alle/ Fastenopfer wie auch die biblischen Zeugen erzählen davon.
Heute hat der Slogan „Food first“ nicht oberste Priorität. Denn sonst müssten nicht immer noch 800 Millionen Menschen jeden Tag hungrig zu Bett gehen, obwohl auf der Erde genug Nahrung für alle produziert wird. Und die andern fünf Milliarden Menschen, die davon verschont sind, haben oft andere Prioritäten als diesen Hungernden zur Nahrung zu verhelfen: Terrorismus bekämpfen, Aktienverluste auffangen, Ferien planen, den Kindern eine Ausbildung ermöglichen, seine Hobbys ausbauen. Wichtige und berechtigte Aufgaben. Nur: Genug zu essen haben ist Voraussetzung für alles andere. „Brot für alle“ – der Name ist Programm – beginnt also zunächst im Kopf und im Herzen, nämlich in der Einstellung, die der Nahrungsmittelsicherung für alle Menschen oberste Priorität einräumt.
Deshalb heisst der Slogan der diesjährigen ökumenischen Aktion „Wir glauben. An sichere Lebensgrundlagen für alle.“ Die kirchlichen Entwicklungswerke „Brot für alle“, „Fastenopfer“ und „Partner sein“ halten an der Vision einer Welt ohne Hungernde fest. Doch was hat das mit Glauben zu tun? Ist es nicht einfach eine naive Illusion, eine Schwärmerei? Nein, vielmehr ein roter Faden in der Bibel.
Die biblischen Zeugen, besonders die Propheten im Alten und Neuen Testament, erinnerten immer wieder daran, dass für den jüdisch-christlichen Gott die Nahrung die materielle Lebensgrundlage ist, auf der das ganze Leben aufbaut. Dieser Gott, der als „Liebhaber des Lebens“ gepriesen wird (Weish. 11,26), weiss genau, dass es kein Leben gibt ohne Nahrung. Keine Sicherheit ohne Ernährungssicherheit. Nach dem Auszug aus Ägypten war das Manna, jene klebrig-süssliche, tauähnliche Nahrung, in der Wüste die erste Überlebenshilfe. Die Bewohner der sehr reichen Hafenstadt Tyrus am Mittelmeer, der damaligen Welthandelsmetropole, wurden nach der Zerstörung der Stadt von den Propheten Ezechiel, Jesaja und Jeremia schon vor 2500 Jahren daran erinnert, dass sie von Gold allein nicht leben können, sondern sich zurückbesinnen sollen auf die Nahrungsproduktion. Sie sollen sich die Bauern am Nil zum Vorbild nehmen statt Gold und Silber zu handeln und sich auf die Kapitalmärkte zu verlassen (Ez.28, Jes.23, Jer.10). Und fromme Übungen bestanden nach Auffassung der Propheten nicht in Tempeldienst, Opfern und Fasten, sondern im Teilen der Nahrung mit den Hungrigen: „Ist das nicht ein Fasten, wie ich es liebe: ... dass du dem Hungrigen dein Brot brichst ...“ heisst es in den späteren Jesajaschriften.
Jesus setzte diese prophetische Tradition des „Food first - Brot zuerst“ fort. So ist es kein Zufall, sondern theologisch und poetisch gezielt gestaltet, dass die Bitte “Unser tägliches Brot gib uns heute” im berühmten Gebet „Unser Vater“ genau in der Mitte der sieben Bitten, nämlich an vierter Stelle, steht! Sie bildet die erste der auf den Menschen und sein Handeln bezogenen Bitten. Ebenso beginnt die Liste der sieben „Werke der Barmherzigkeit“ mit der Nahrungssicherheit: “Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben.” (Mt. 25,35) Am Ende unseres Lebens wird dessen Sinn also als erstes daran gemessen, was wir zur Verminderung des Hungers in der Welt und zur Sicherung dieser Lebensbasis beigetragen haben.
So ist der christliche Glaube an den Gott des Lebens immer sehr eng mit der materiellen Lebensgrundlage verbunden. Die Liebe geht durch den Magen, sagt der Volksmund. Auch der Glaube und die Hoffnung gehen durch den Magen.
Christoph Stückelberger
Zentralsekretär Brot für alle