Zwölf entwicklungspolitische Herausforderungen
Einsichten nach zwölf Jahren Arbeit bei Brot für alle
von Christoph Stückelberger,
Zentralsekretär
- Almosen oder Menschenrechte? Der heute viel
diskutierte rechtebasierte Ansatz ist in der Entwicklungszusammenarbeit
wichtig, weil er Gerechtigkeit und Rechte statt Almosen fördert. Er
erfordert aber korruptionsfreie Rechtssprechung.
- Bekämpfung von Aids oder von Hunger?
Menschenrechtsprioritäten müssen gesetzt werden. Das Menschenrecht auf
ausreichende Nahrung braucht immer noch höchste Priorität, denn Überleben
ist Voraussetzung für alle andern Rechte.
- Globalisieren oder entglobalisieren? Die
falsche Alternative ist durch selektive Globalisierung zu überwinden: Sie
fördert die weitere globale Vernetzung in den einen Bereichen (z.B.
Kommunikation) und fördert wieder grössere Autonomie in andern (z.B.
Landwirtschaft).
- Sozialstaaten abbauen, umbauen, aufbauen?
Der Abbau traditionaler Sozialsysteme, die Verstädterung und die Alterszunahme
erfordert auch im Süden dringend den Aufbau von
Sozialversicherungsstrukturen.
- Wie Wohlstandsgefälle abbauen?
Armutsbekämpfung ist mit Wachstum, Technologie und Guter Regierungsführung
allein nicht zu schaffen. Sie erfordert unter anderem auch Reichtumsbegrenzung.
- Partnerschaft oder Konfrontation mit
Unternehmen? Armutsbekämpfung braucht auch alle Anstrengungen des Privatsektors.
Hilfswerke sollen mit Unternehmen wo immer möglich kooperieren und sie
gleichzeitig wo immer nötig kritisieren, wenn sie Entwicklungszielen
zuwiderhandeln.
- Welche Technologien fördern oder zähmen?
Hilfswerke sollen sich nicht mehr gleich prioritär wie bisher mit der
Gentechnologie auseinandersetzen, sich dafür umso stärker für
entwicklungsverträgliche Kommunikations- und nachhaltige Energietechnologien
einsetzen.
- Produktion steigern oder Konsum senken? Der
Konsum ist im Norden, aber vermehrt auch bei den zahlenmässig sehr grossen
neuen Mittelschichten im Süden nachhaltiger zu gestalten.
- Theologie vergessen oder fördern? Die
Entwicklungsrelevanz der Religionen und der Theologie wird auch von
staatlicher Entwicklungszusammenarbeit wieder entdeckt. Mehr investieren
in ökumenische Theologie und Ethik ist Auftrag und Chance.
- Solidarität mit allen oder mit Gleichgläubigen?
Zum christlichen Auftrag gehört, an universaler Solidarität mit Benachteiligten
unabgängig von Religion, Rasse und Geschlecht festzuhalten und nicht nur
Gleichgläubige zu unterstützen, auch wenn dies andere tun.
- Genderpolitik wie weiter? In der
Genderpolitik (zum Verhältnis der Geschlechter in der Entwicklung) sind
mehr Männerprogramme zu fördern, um Frauen nachhaltig in der Wahrnehmung
ihrer Rechte zu stärken.
- Wie der Überforderung begegnen? Der Überforderung
vieler Zeitgenossen durch Komplexität, Informationsfülle und schlechtes
Gewissen ist die Ermutigung und Kraftquelle des Evangeliums gegenüberzustellen:
Du musst nicht die Welt tragen, denn Gott trägt sie - und dich. Daraus
erhältst du die Kraft zum kleinen Schritt.
(Die hier modifizierten Thesen sind ausführlich dargelegt
und begründet in Zeitschrift für Entwicklungspolitik, 14/15 2004, S. 34-38, zu
lesen auch unter www.brot-fuer-alle.ch/Politik)