Zwölf entwicklungspolitische Herausforderungen

 

Einsichten nach zwölf Jahren Arbeit bei Brot für alle

von Christoph Stückelberger, Zentralsekretär

 

  1. Almosen oder Menschenrechte? Der heute viel diskutierte rechtebasierte Ansatz ist in der Entwicklungszusammenarbeit wichtig, weil er Gerechtigkeit und Rechte statt Almosen fördert. Er erfordert aber korruptionsfreie Rechtssprechung.
  2. Bekämpfung von Aids oder von Hunger? Menschenrechtsprioritäten müssen gesetzt werden. Das Menschenrecht auf ausreichende Nahrung braucht immer noch höchste Priorität, denn Überleben ist Voraussetzung für alle andern Rechte.
  3. Globalisieren oder entglobalisieren? Die falsche Alternative ist durch selektive Globalisierung zu überwinden: Sie fördert die weitere globale Vernetzung in den einen Bereichen (z.B. Kommunikation) und fördert wieder grössere Autonomie in andern (z.B. Landwirtschaft).
  4. Sozialstaaten abbauen, umbauen, aufbauen? Der Abbau traditionaler Sozialsysteme, die Verstädterung und die Alterszunahme erfordert auch im Süden dringend den Aufbau von Sozialversicherungsstrukturen.
  5. Wie Wohlstandsgefälle abbauen? Armutsbekämpfung ist mit Wachstum, Technologie und Guter Regierungsführung allein nicht zu schaffen. Sie erfordert unter anderem auch Reichtumsbegrenzung.
  6. Partnerschaft oder Konfrontation mit Unternehmen? Armutsbekämpfung braucht auch alle Anstrengungen des Privatsektors. Hilfswerke sollen mit Unternehmen wo immer möglich kooperieren und sie gleichzeitig wo immer nötig kritisieren, wenn sie Entwicklungszielen zuwiderhandeln.
  7. Welche Technologien fördern oder zähmen? Hilfswerke sollen sich nicht mehr gleich prioritär wie bisher mit der Gentechnologie auseinandersetzen, sich dafür umso stärker für entwicklungsverträgliche Kommunikations- und nachhaltige Energietechnologien einsetzen.
  8. Produktion steigern oder Konsum senken? Der Konsum ist im Norden, aber vermehrt auch bei den zahlenmässig sehr grossen neuen Mittelschichten im Süden nachhaltiger zu gestalten.
  9. Theologie vergessen oder fördern? Die Entwicklungsrelevanz der Religionen und der Theologie wird auch von staatlicher Entwicklungszusammenarbeit wieder entdeckt. Mehr investieren in ökumenische Theologie und Ethik ist Auftrag und Chance.
  10. Solidarität mit allen oder mit Gleichgläubigen? Zum christlichen Auftrag gehört, an universaler Solidarität mit Benachteiligten unabgängig von Religion, Rasse und Geschlecht festzuhalten und nicht nur Gleichgläubige zu unterstützen, auch wenn dies andere tun.
  11. Genderpolitik wie weiter? In der Genderpolitik (zum Verhältnis der Geschlechter in der Entwicklung) sind mehr Männerprogramme zu fördern, um Frauen nachhaltig in der Wahrnehmung ihrer Rechte zu stärken.
  12. Wie der Überforderung begegnen? Der Überforderung vieler Zeitgenossen durch Komplexität, Informationsfülle und schlechtes Gewissen ist die Ermutigung und Kraftquelle des Evangeliums gegenüberzustellen: Du musst nicht die Welt tragen, denn Gott trägt sie - und dich. Daraus erhältst du die Kraft zum kleinen Schritt.

 

(Die hier modifizierten Thesen sind ausführlich dargelegt und begründet in Zeitschrift für Entwicklungspolitik, 14/15 2004, S. 34-38, zu lesen auch unter www.brot-fuer-alle.ch/Politik)