Religion und Entwicklung

 

Workshop zu Mission und Entwicklung, 27. April 2002,

der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA.

Impuls aus Sicht von Brot für alle (Christoph Stückelberger)

 

1. Ausgangslage und -fragen

·        Die Bedeutung der Religionen für die Entwicklung?

·        Die Rolle der organisierten Religionen, der Missions- und der Entwicklungswerke für interkulturelles Zusammenleben in einer globalisierten Welt?

·        Die Rolle organisierter Religionsgemeinschaften für das Zusammenleben in einem Staat oder als Ersatz für den Staat?

·        Konzeptionell im evang. Bereich der Schweiz: Die „Grundsätze für Entwicklungsprojekte“ der EHM-Werke (1999 verabschiedet, auf einer Grundlage von 1991) basieren auf der Einheit in der Verschiedenheit von Mission und Entwicklung. Unter dem gemeinsamen Auftrag für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung werden 4 Tätigkeitsbereiche unterschieden: Missionstätigkeit, Entwicklungszusammenarbeit, Nothilfe, Entwicklungspolitik.

·        Strukturell im evang. Bereich der Schweiz: Die „Evangelischen Hilfswerke und Missionen“ EHM (BFA, HEKS, DM, KEM) bildeten 1994-2002 eine „Holding“ mit einem gemeinsamen Vorstand, basierend auf der konzeptionellen Einheit. Wie die konzeptionelle Einheit mit der strukturellen Ausdifferenziertheit verbinden?

 

 

2. Thesen

 

1.    Beim Thema Mission und Entwicklung geht es an dieser Tagung zugespitzt um Religion und Entwicklung: um das Verhältnis zwischen staatlicher/ privater Entwicklungszusammenarbeit und der religiösen Dimension von Entwicklung (Die Anerkennung des Beitrages der Missionen für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung ist vorausgesetzt und unbestritten).

2.    Es geht dabei um die Frage, welchen Beitrag institutionalisierte Religionsgemeinschaften zur Armutsbekämpfung leisten können (was ein Projekt der Weltbank untersuchte), aber noch tiefer und direkter darum, welchen Beitrag die Religionen zur Entwicklung leisten und leisten können.

3.    Das 21. Jahrhundert wird ein religiöses Jahrhundert sein. Die Frage ist nur, welche Formen und Inhalte von Religionen und Pseudoreligionen prägend sein werden (Bush’s „With God on my side“, der unkritische Glaube an das Heil des Marktes, ein fundamentalistischer Isolationismus oder die re-ligio als Rückbindung des Menschen in die Verantwortung vor einem Gott der Liebe.

4.    Die aufklärerische Trennung von Staat und Religion ist für viele Kulturen kein erstrebenswertes und vertretbares Modell. Neue Wege sind nötig, in denen Politik und Religion in einem produktiven Verhältnis „unvermischt und ungetrennt“ aufeinander bezogen sind.

5.    Wertorientierung ist die Basis für nachhaltige Entwicklung. Ethikförderung ist deshalb ein wichtiger Teil der EZA. Diese geht aber weit über ethische Appelle, Richtlinien und good governance-Kriterien hinaus. Religion ist ein wichtiger Ermöglichungsgrund für ethisches Verhalten.

6.    Staatliche und private Entwicklungszusammenarbeit hat ein Interesse, im Dienste nachhaltiger Entwicklung folgendes zu fördern:
- Interreligiöse Zusammenarbeit statt Fundamentalismus
- Weltweite Ökumene statt neuem Denominationalismus
- Glokalisierung statt Lokalismus
- Wohlfahrt für alle statt Konsumismus als Religionsersatz
- Gemeinschaftsverantwortung statt Patchwork-Individualismus und privatisierte Religiosität

 

 

3. Vorschläge

 

1.    Ausarbeitung einer Sektorpolicy „Religion/Ethik“ zum Beitrag der Religionen zur Entwicklung und deren ethischer Basis, mit Folgerungen für die zukünftige DEZA-Beitragspolitik. Die Policy würde ein Argumentarium beinhalten, weshalb staatliche, ganzheitliche EZA auch religiöse Programme unterstützen kann/soll und unter welchen Bedingungen.

2.    Einsatz der DEZA für einen entsprechenden internationalen Diskussionsprozess beim UNDP, beim DAC der OECD, bei der Weltbank (in Ansätzen vorhanden) und regionalen Entwicklungsbanken.

3.    Kofinanzierung (durch die DEZA) von ein paar sorgfältig ausgewählten Testprogammen mit explizit ethischem, theologischem oder pastoralem Charakter. Die Evaluation müsste aufzeigen können, wie diese zur Entwicklung beitragen.

 

4.  Dokumente

 

·        Grundsätze für Entwicklungsprojekte. Analyse der Rahmenbedin-gungen der Evang. Hilfswerke und Missionen der Schweiz, Impulse Nr. 4/99, 26 S. Bezug bei Brot für alle, Bern.

·        Mehr Welt – mehr Kirche – mehr Weltkirche. Referate und Ergebnisse der Tagung vom 26.2.2001 in Bern, Impulse Nr. 1/01, 40 S. Bezug bei Brot für alle Bern.

·        Entwicklungskonzepte: Standortbestimmung. Bericht einer Konsultation des OeRK, mit einem Kommentar von Brot für alle, Impulse Nr. 3/96, 20 S. Bezug bei Brot für alle Bern.

·        Stückelberger, Christoph: Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung um zwei Dimensionen erweitern (die kulturelle und religiöse). Ein Beitrag der Entwicklungsethik, in: Peter, H.-B. (Hg.): Globalisierung, Ethik und Entwicklung, Bern 1999, 103-122.

·        Jeganathan, W.S. Milton (Ed.): Mission Paradigm in the New Millenium, Church of South India, Delhi 2000.

·        Unité-Positionspapiere zu Mission und Entwicklung.

·        Mission und Entwicklungszusammenarbeit. Referat von DEZA-Direktor Walter Fust in Balzers/Lichtenstein, 18.12.2001, Manuskript.