Artikel in „Alpha – Kadermarkt Schweiz“, 9. August 2003

 

Korruptionsfrei leben ist möglich

 

Prof. Dr. Christoph Stückelberger*

 

Die Befürchtung, im Berufs- oder Privatleben mit Korruption konfrontiert zu sein, steigt auch in der Schweiz. Gemäss dem anfangs Juli veröffentlichten Korruptionsbarometer 2003 von Transparency International fürchten zwar in der Schweiz nur 9,2 Prozent, persönlich damit konfrontiert zu sein, aber 36,4 Prozent im Geschäftsumfeld und fast so viele im politischen Leben. In Zukunft werde die Korruption noch leicht zunehmen, glaubt über ein Drittel der Befragten in der Schweiz und am meisten, 23 Prozent, würden bei den politischen Parteien zuerst mit Massnahmen einsetzen. Die Umfrage zur Wirtschaftskriminalität 2003 von PricewaterhouseCoopers bei 89 der Top 1000 Unternehmen der Schweiz ergab, dass 18 Prozent der befragten Unternehmen von Fällen der Korruption betroffen waren, häufiger als im westeuropäischen Vergleich (11 Prozent). Dabei werden einerseits finanzielle Risiken und Belastungen, aber noch stärker der Reputationsschaden für die Firma und die negative Wirkung auf die Mitarbeitermotivation gefürchtet. Dabei ist die Schweiz tendenziell weniger von der inländischen Korruption, als von jener im internationalen Geschäftsverkehr betroffen.

 

Um Korruption wirksam bekämpfen zu können, sollte der Begriff möglichst präzis und eng gefasst werden: Korruption ist Missbrauch öffentlicher oder privater Macht für privaten Nutzen. Diese einfache, international anerkannte Definition beinhaltet die aktive oder passive Bestechung zwischen einer Amts- und einer Privatperson oder zwischen Privaten. Damit wird eine Amts- oder Berufspflicht verletzt, um ungerechtfertigte Vorteile für sich oder die Firma zu erlangen. Korrupte Handlungen sind dadurch charakterisiert, dass sie im Verborgenen, also ohne öffentliche Transparenz, geschehen. Darin unterscheiden sich Schmiergelder auch klar von Geschenken. Dabei wird ein Vorteil gewährt, der nicht auf einer Leistung beruht. Deshalb ist Korruption nicht nur ethisch und rechtsstaatlich, sondern auch betriebs- und volkswirtschaftlich zerstörerisch, weil zum Beispiel bei einer Auftragsvergabe nicht das beste Preis-Leistungsverhältnis, sondern die Höhe des privaten Nutzens für einzelne den Ausschlag gibt.

 

Verschiedene Formen der Korruption sind zu unterscheiden, die auch unterschiedliche Ursachen haben: Die Korruption der Armut - in der Regel die "kleine Korruption" - wurzelt in der Not. Wenn der Zollbeamte am Flughafen eines Entwicklungslandes noch ein „Coca“ (ein Schmiergeld) verlangt, obwohl Pass und alle Ausweise in Ordnung sind, dann oft deshalb, weil er seit Monaten keinen oder einen zum Leben zu geringen Lohn erhalten hat. Die Beschaffungskorruption und die Beschleunigungskorruption dienen dazu, Güter oder Dienstleistungen zu erhalten, die sonst nicht oder nur mit viel grösserem administrativem Aufwand oder nicht in der gewünschten resp. rechtlich zustehenden Zeitperiode zu erhalten sind. Die Korruption der Macht - in der Regel die "grosse Korruption" – hingegen wurzelt in der Gier nach mehr Macht und Reichtum, in der Absicherung der vorhandenen Macht und im unerbittlichen wirtschaftlichen Konkurrenzkampf: Der Minister für Telekommunikation, der bei der Privatisierung der staatlichen Telekom jener ausländischen Firma den Zuschlag gibt, von der er am meisten Schmiergeld erhält, handelt auch bei einem bescheidenen Ministerlohn nicht aus Not, sondern aus Gier. Und die Telekomfirma, die den Zuschlag unter allen Umständen erhalten will und Schmiergeld bis an die Schmerzgrenze bezahlt, meint, nur so überleben zu können. Die „graue Korruption“ der „Vetterliwirtschaft“ und des „Filzes“ kommt zumeist ohne Schmiergeldzahlungen aus, sondern beruht auf Beziehungsnetzen und operiert in der Grauzone des Nepotismus.

 

Sieben Schritte zur Korruptionsfreiheit

1. Als erstes ist der Korruption die ethische Legitimationsbasis zu entziehen! Alle grossen Weltreligionen verurteilen Korruption ganz entschieden, vom Alten und Neuen Testament über den Koran bis zu den Heiligen Schriften im Hinduismus und Buddhismus, denn Korruption beugt das Recht des Schwächeren und zerstört Gemeinschaft.

2. Korruptionsfreie Alternativen sind möglich! Dies anzuerkennen ist der nächste, wichtige Schritt zur Korruptionsbekämpfung, denn zu viele Menschen betrachten Korruption noch als unabänderliches Naturgesetz. Nein, es ist ein Krebsgeschwür, das – rechtzeitig erkannt – gemeinsam bekämpft werden kann.

3. Gegen die kleine Korruption, die den Alltag als Tourist oder Mitarbeiter in Entwicklungsländern so belastend machen kann, braucht es entschiedenes Auftreten, Phantasie und Zeit: Die meisten Regierungen in Entwicklungsländern haben heute Antikorruptionsprogramme verabschiedet. Auch der Polizist bei der Strassenkontrolle oder der Zollbeamte wissen das. Das mindeste ist, eine Quittung zu verlangen. Damit wird der Geldtransfer offizialisiert, was viele Beamte davon abschreckt, auf der Bezahlung zu beharren.

4. Viele Firmen machen gute Erfahrungen mit firmeninternen oder branchenbezogenen Verhaltenskodizes. Wenn sie mit Kaderschulung, Kontroll- und Sanktionsmechanismen und entschiedener  Informationspolitik (Shell veröffentlicht Korruptionsfälle auf ihrer Homepage) verbunden sind, können sie Korruption vermindern.

5. Besonderer Schutz brauchen die „Whistleblowers“, die Hinweisgeber, die firmeninterne Missstände und korrupte Praktiken aufdecken. Oft werden sie verunglimpft oder entlassen statt sie als Hilfe zur Risikominderung und zum Reputation Management ernst zu nehmen. Klaus Leisinger liefert dazu in seinem neuen Buch „Whistleblowing und Corporate Management“ (München 2003) eine differenzierte Beurteilung.

6. Unverzichtbar sind schliesslich gesetzliche Massnahmen, die insbesondere die Rechtsstaatlichkeit sowie strafrechtliche Verschärfungen umfassen. Entscheidend dabei sind vier Institutionen, die korruptionsfrei sein müssen: Parlamente, die Justiz, sowie moralische Instanzen wie Kirchen und heute die Medien.

7. Mit dem Kampf gegen Korruption kann viel Geld gespart werden. Wenn nur ein Teil davon als Spenden in Antikorruptionsbemühungen wie das „Programm für korruptionsfreie Schulen“ von Brot für alle, den Schutz von Whistleblowers von Transparency Switzerland, in firmeninterne Ethik- und Kontrollbemühungen oder in gesetzliche Massnahmen eingesetzt wird, kann Korruption wirksam vermindert werden.

 

 

* Prof. Dr. Christoph Stückelberger, Zentralsekretär der Entwicklungsorganisation „Brot für alle“, Professor für Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Basel sowie Gründungspräsident und heute Vizepräsident von Transparency Switzerland. Neuere Veröffentlichungen zum Thema: Ethischer Welthandel, 2. Aufl. 2003; Continue Fighting Corruption, Reihe Impulse von Brot für alle, 2003.