Erscheint in
epd-Entwicklungspolitik, Februar 2003
Kommentar zu
Weltwirtschaftsforum und Weltsozialforum
Global ökumenisch auftreten
Prof. Dr. Christoph Stückelberger, Zentralsekretär Brot für alle
Tausende von NG0s haben am „Weltsozialforum“ WSF in Porto Alegre teilgenommen, rund 100 waren es am „Weltwirtschaftsforum“ WEF in Davos, einige Schweizer NGO’s haben mit dem WEF öffentliche Parallelveranstaltungen „Open Forum Davos“ OFD durchgeführt. „Brot für alle“ war an allen drei Orten vertreten. Ein paar thesenartige Überlegungen aufgrund dieser Erfahrung zur zukünftigen Strategie kirchlicher Hilfswerke gegenüber diesen Foren.
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Foren sind wie Kirchentage: Orientierungshilfe und
Stärkung
WSF, WEF, OFD erinnern stark an Kirchentage: hunderte von Workshops und Plenumsveranstaltungen ohne Zwang zu verbindlichen Beschlüssen dienen der Orientierung, der Herausforderung durch andere, der Bestätigung der eigenen Meinung und besonders vernetzenden persönlichen Kontakten. Sie sind der „Vorhof des Tempels“ der Regierungen und Parlamente, der Chefetagen der Unternehmen und der Hilfswerkdirektionen, wo die effektiven Entscheide gefällt werden, Darin liegen ihre Chancen und auch Grenzen.
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Die Doppelstrategie verbreitert die
Wirkungsmöglichkeit
Die Frage ist natürlich, in welchen Vorhöfen man sich tummeln will. Sämtliche der fast hundert am WEF (in der Regel durch ihre Direktor/inn/en) vertretenen NGO’s waren auch mit grösseren Delegationen am WSF dabei, begründet in derselben Doppelstrategie: sich dort einbringen, wo Entscheidungen vorbereitet werden.
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Selektiver Widerstand und selektive Kooperation
ergänzen sich
Damit taucht aber sofort die Frage auf, welche inhaltliche Position man vertritt. Sehen wir uns als Globalisierungsbefürworter, Globalisierungsgegner oder Globalisierungskritiker? Brot für alle geht dabei von folgender Position aus: Globalisierung als Öffnung von Märkten und Stärkung der internationalen Zusammenarbeit ist dort positiv, wo damit Hunger vermindert, Freiheit erhöht, gerechter Ausgleich gestärkt und die breite Mitwirkung der Bevölkerung ermöglicht wird. Sie ist dort negativ, wo wenige wirtschaftliche Akteure immer mehr den Weltmarkt beherrschen, kontrollieren, privatisieren, der Graben zwischen Arm und Reich sich vergrössert und statt kultureller Vielfalt ein weltweiter Mac Donalds Einheitsbrei entsteht. „Brot für alle“ setzt sich also für selektiven Widerstand gegen inhumane Globalisierung und für entsprechende „De-Globalisierung“ (Walden Belo) ein und andererseits für selektive Kooperation mit all jenen, die sich für eine sozial und ökologisch gesteuerte und verantwortliche Globalisierung einsetzen.
Wenn es um Wasser-Privatisierung
auf Kosten von Armen geht, muss Widerstand geleistet werden. Wenn aber mit
einer Erdölfirma eine Strategie gefunden werden kann, damit die Rechte der
indigenen Bevölkerung in einem Fördergebiet gewährleistet sind, dann kann ein
Verhaltenskodex, wie ihn «Brot
für die Welt» erarbeitet hat,
eben sinnvoll sein. Mit Nestlé und den Hilfswerken gibt es, um ein anderes Beispiel
zu erwähnen, ein gemeinsames Interesse der Stabilisierung der Rohkaffee-Preise
und darin wird eine Zusammenarbeit möglich. Das schliesst nicht aus, dass gegen
die gleiche Firma Widerstand geleistet werden muss, wenn sie
Gewerkschaftsrechte verletzt.
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Dialog und
Druck verändern die Welt
Kann ein Dialog über
diese klare, differenzierte Position etwas verändern? Ja, davon gehen wir aus.
„Verstehen verändert“ heisst das Aktionsthema 2003 von „Brot für alle“. Das
heisst, ich traue den Gesprächspartnern zu, dass sie sich mit Argumenten
verändern lassen. Ich gehe aber auch das Risiko ein, selber durch die Argumente
der anderen verändert zu werden. Dialog verändert durch Überzeugung.
Dialog aber genügt
nicht. Politische Vorstösse, kritische Medienberichte, Gerichtsverfahren bei
Menschenrechtsverstössen z.B. durch Unternehmen, die in Entwicklungsländern
tätig sind, sind ebenso nötig. Veränderung geschieht hier weniger durch
überzeugende Argumente als durch Druck. Beides ist nötig. Für eine humane Weltwirtschaft
müssen die Shareholders (Aktionäre) zu verantwortlichen Careholders werden. Die
Stakeholders (gesellschaftliche Anspruchsgruppen) müssen neben Dialogpartnern
manchmal auch Shakeholder (Schüttelbecher) werden.
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Basisbezug mit Hierarchie und Visibilität verbinden
Die grosse Stärke kirchlicher Hilfswerke ist ihre sehr breite Verankerung in den Kirchgemeinden/Pfarreien und damit in breiten Kreisen der Bevölkerung in Nord und Süd und ihre starke Stimme auf nationalem Parkett. Ihre Schwäche ist die wenig ausgebaute internationale Struktur. Zwar wurden wesentliche Fortschritte erzielt, auf europäischer Ebene mit APRODEV als Netz von 15 protestantischen Hilfswerken sowie dem katholischen Pendant CIDSE, auf globaler Ebene mit der Nothilfeorganisation ACT und dem Ökumenischen Aktionsbündnis (Ecumenical Advocacy Alliance EAA). Ihnen fehlt aber eine verbindlich sprechende und nach aussen visible und medial starke Entscheidungsstruktur und entsprechend mandatierte Persönlichkeiten. Auch der – personell und finanziell leider geschwächte – Ökumenische Rat der Kirchen ÖRK wird von den Mitgliedkirchen immer wieder gebremst. So treten dann eben in Davos und anderswo die Direktoren von Amnesty International, WWF International, Oxfam International oder World Vision International gegenüber den Medien und Firmen auf. Hier ist Handlungsbedarf für die kirchlichen Hilfswerke! Das globale Treffen ihrer Direktoren am HOAN-meeting in Genf im kommenden April wird da hoffentlich einen Schritt zu mehr Verbindlichkeit tun.
Hinweis zur Vertiefung:
Ch. Stückelberger: Ethischer
Welthandel, Haupt Verlag, Bern 2001, 246 S.; engl. Ausgabe: Global Trade Ethics. An Overview, WCC
publications, Genf 2003, 234 S.