Interview katholische Presseagentur KIPA, 30.1.2003:

 

Christoph Stückelberger, Zentralsekretär von Brot für alle, über das Weltwirtschafsforum

 

Die informellen Kontakte sind äussert wichtig

Interview: Georges Scherrer / Kipa

Bern, (Kipa) Als äusserst wichtig erachtet der Generalsekretär von Brot für alle, Christoph Stückelberger, die informellen Kontakte, die im Rahmen des Weltwirtschaftsforums zwischen Wirtschaftsvertretern und ihren Kritikern möglich sind. Der diesjährige Versuch mit dem "Open Forum Davos" bewertet Stückelberger als gelungen. Die reformierte Kirche der Schweiz war dieses Jahr am WEF, unter anderem mit der Teilnahme von SEK-Ratspräsident Thomas Wipf, stark präsent. Diözesanbischof Amédée Grab richtete eine Botschaft an das Weltwirtschaftsforum, das auf dem Gebiet seines Bistums stattfand.

 

Kipa: Christoph Stückelberger, Sie waren in Davos. Was hat Ihnen das Weltwirtschaftstreffen gebracht?

Stückelberger: Brot für alle war offiziell nicht am Weltwirtschaftsforum vertreten. Das Hilfswerk organisierte jedoch gemeinsam mit dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) eine der Veranstaltungen des "Open Forum Davos". Ich selber war aber im WEF-Zentrum mit dabei. Brot für alle hatte zudem eine Delegation im brasilianischen Porto Alegre, um auch am Weltsozialgipfel das Anliegen einer fairen Wirtschaft einzubringen.

Am WEF selber sind die Nichtregierungsorganisationen wie zum Beispiel internationale Gewerkschaftsverbände besser vertreten, als man allgemein wahrnimmt. Die Debatten habe ich als offen und auch kritisch erlebt. In vielen Foren wurde die Kritik am geplanten Irakkrieg und gegen unilaterale Entscheide der USA sehr deutlich geäussert.

 

Kipa: Welchen Stellenwert hatte die Kritik bei den WEF-Teilmehmern?

Stückelberger: Man darf das WEF nicht falsch einschätzen. Es ist eine private Veranstaltung. Und darum herrscht keine Verbindlichkeit, was allfällige Ergebnisse betrifft. Diese Verbindlichkeiten sind in staatlichen Institutionen, Entscheiden von Unternehmen und Verbänden und bei Uno-Konferenzen herzustellen.

Das WEF hat aber gerade den Vorteil, dass dort Meinungen in völlig unausgereiftem Zustand geäussert werden können. Man wird nicht auf sie behaftet. Dies ist wohl ein Grund, warum die Medienleute nicht zu allen Veranstaltungen Zutritt haben.

Es war uns aber insbesondere wichtig, dass wir am Open Forum mitmachten, wo der Dialog in einem breiteren Kreis möglich ist und Vertreter des WEF mit ihren Kritikern zusammentrafen. Das Interesse war gross. Die Podien waren jedesmal bis auf den letzten Platz besetzt. Brot für alle hat gemeinsam mit dem SEK ein derartige Veranstaltung organisiert, an welcher Novartis-Konzernchef Daniel Vasella teilnahm. Natürlich wurde über sein Jahreseinkommen gesprochen (Vasella gibt es mit 20 Millionen Franken pro Jahr an, die Red.) Diskutiert wurde bei dem Anlass aber auch darüber, wie die Globalisierung gestaltet werden kann, damit sie sozialen Anliegen Rechnung trägt.

 

Kipa: Ist das Open Forum ein Weg, den weiter zu gehen es sich lohnt?

Stückelberger: Ja, meines Erachtens ist es ein guter Weg der Brücke zur Öffentlichkeit. Auch die Teilnehmerreaktionen haben dies gezeigt. Man hat begrüsst, dass die Auseinandersetzungen nicht hinter geschlossenen Türen geführt wurden, sondern öffentlich. Das Open Forum soll – kleinräumig - wie das Weltsozialforum ein Ort offener und kritischer Suche nach einer sozial und ökologisch verantwortlichen Globalisierung sein. Ebenso wichtig sind aber die jährlich und beharrlich durchgeführten lokalen Veranstaltungen z.B. im Rahmen der ökumenischen Kampagne Brot für alle/Fastenopfer. Nur sind die Medien dann weniger präsent. In Davos oder Porto Alegre ist dagegen das Medienecho gross.

 

Kipa: WEF-Gegner haben das "Public Eye on Davos" organisiert, wo sie aber - im Gegensatz zum Open Forum - unter sich blieben. Wie ist diese Veranstaltung zu bewerten?

Stückelberger: Mir ist aufgefallen, dass  die Diskussion und Teilnehmerschaft beim Open Forum pluralistischer ist und mehr Meinungen zusammenkommen, während das Public Eye eine bestimmte Position vertritt. In dem Sinn ergänzen sie sich.

 

Kipa: Welche klare Linie?

Stückelberger: Das Public Eye ist klar linksgrün positioniert. Sie haben keine WEF-Teilnehmer eingeladen. Das Open Forum dagegen hat bewusst einen Brückenschlag versucht. Ich glaube, der Versuch ist gelungen. Wir werden unsere Erfahrungen sorgfältig auswerten und danach entscheiden, in welcher Form wir uns 2004 am Open Forum beteiligen werden.

 

Kipa: Während des diesjährigen WEF scheiterte eine bewilligte Grossdemonstration der WEF-Gegner in den Strassen von Davos...

Stückelberger: Ich bedaure es ausserordentlich, dass die Demonstration nicht in der vorgesehenen Form stattfinden konnte. Die Forderungen zur Globalisierung oder auch De-Globalisierung, die bei dieser Kundgebung laut und deutlich geäussert werden sollten, wurden leider durch die Diskussionen über die Personenkontrollen in Fideris abgelöst. Sehr viele Globalisierungskritiker und -gegner waren darum frustriert, weil sie ihre Botschaft nicht an eine breite Öffentlichkeit tragen konnten. Es ist bedauerlich, dass die Teilnehmer durch einen Teil des Oltner Bündnisses in ihrer Meinungsfreiheit behindert wurden. Wer in Zukunft Kritik am WEF ausüben will, muss dies wohl ausserhalb des Oltner Bündnisses tun. Nur auf diese Weise kann verhindert werden, dass einmal mehr die inhaltlichen Anliegen wegen unfruchtbaren Auseinandersetzungen über Personenkontrollen untergehen.