Erschien in der Reformierten Presse, Zürich, Nr.4, 24. Januar 2003

 

 

Ethik mit oder ohne Transzendenz?

 

Prof. Dr. Christoph Stückelberger

Professor für Systematische Theologie mit Schwerpunkt Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Basel

 

Auf der Suche nach einer gemeinsamen Wertgrundlage – ob in der erweiterten EU oder aktuell am Weltsozialforum in Porto Alegre oder am WEF in Davos – gehen viele davon aus, dass dies in einer pluralistischen Gesellschaft nur ohne Transzendenzbezug möglich sei. Der folgende Beitrag zeigt das Gegenteil.

 

„Wir brauchen eine europäische Ethik - aber bitte ohne Transzendenzbezug!“ Dies rief mit dem Pathos eines guten Predigers Jérôme Vignon, höchster Strategieberater der Europäischen Kommission, im Parlamentssaal des Europaparlaments am ersten Europäischen Ethikgipfel im August 2002 in Brüssel der versammelten Ethikergemeinde Europas zu (vgl. Bericht RP 36/2002). Wir Ethiker fühlten uns mit dem ersten Teil des Satzes in unserem Bemühen um eine gemeinsame Ethikgrundlage von politischer Seite unterstützt, und zum zweiten Teil des Satzes schien schweigendes Einverständnis zu herrschen. Niemand, der widersprach. Mich liess dieser zweite Teil des Postulats aber nicht mehr los. „Nur eine Gemeinschaft der Werte führt zu einer gegenseitigen Anerkennung der Vielfalt der Kulturen“, erklärte Vignon, der mit den Kirchen in gutem Kontakt steht. Einverstanden. Nur: Auf welcher Basis soll diese Gemeinschaft der Werte entstehen, mit oder ohne Transzendenzbezug? Ein christliches, ein interreligiöses, ein säkulares, ein pluralistisches, ein ideologisches Europa? Kann eine spezifisch theologische Ethik einen Beitrag zu einer universalen Ethik leisten? Wie kann ein weltweites Ethos – hoffentlich kein eurozentrisches! – religiöse Traditionen einbeziehen?

 

Welche Art von Transzendenzbezug?

Transzendenz meint die Wirklichkeit, die jenseits einer Grenze des Verfügbaren, Erfahrbaren und Vorstellbaren existiert. Das diesseits der Grenze Existierende hängt wesentlich vom Transzendenten ab und wird davon geprägt. Die Transzendenz bezeichnet das Absolute, Unbedingte und Ewige, die Immanenz das Relative, Bedingte und Vorläufige. Transzendenzbezogene Ethik versucht Werte in Beziehung zur Transzendenz zu finden. Wer sich ausschliesslich auf Immanenz bezieht und jegliche Transzendenzvorstellung ablehnt, versucht alle Erscheinungen der Welt aus dem gegebenen und prinzipiell erfahrbaren Bestand zu erklären und daraus seine Werte abzuleiten.

 

Dabei gibt es verschiedene Formen von Transzendenzbezug in der Ethik:

 

- Die offenbarte Transzendenz geht davon aus, dass aus offenbarten Texten – für Christen die Bibel, für Muslime der Koran usw. – Wertmassstäbe für eine materiale Ethik herzuleiten sind, wobei die Methodik unterschiedlich ist. Sie begründet Normen aus Gottes Willen. Karl Barth und mit ihm weite Teile der dialektischen Theologie mag mit seiner aus der Dogmatik deduzierten und mittels seiner Methode der Analogie konkretisierten Ethik den Bogen von der Transzendenz zur Ethik zu direkt gezogen haben, aber er gelangte so zu scharsichtiger Ideologiekritik gegenüber -ismen wie Nationalsozialismus, Kapitalismus, Kommunismus und Wissenschaftspositivismus.

 

- Die kirchlich vermittelte Transzendenz betont die Bedeutung der Gemeinschaft von Glaubenden für die Normenbildung und –begründung. Kirchen bieten einen Raum, in dem ein kohärenter ethischer Diskurs geführt werden kann. Diesen Ansatz hat in neuester Zeit insbesondere der amerikanische methodistische Ethiker Stanley Hauerwas wieder aufgenommen (Hauerwas, 1995, 158ff).

 

- Als „formale Transzendenz“ bezeichnet der Lausanner Ethiker Denis Müller die Funktion des Transzendenzbezugs in seiner Ethik. Es geht ihm weniger um transzendentale Begündung materialer Ethik, sondern primär um die Kritik „jeder Form von Immanentismus“, der „sich selbst als letzte Quelle der eigenen Wahrheit sieht ... wie der Scientismus, Positivismus, Säkularismus, Rationalismus, Fundamentalismus, Nationalismus ...“ (Müller, 1999, 330). Aus jesuanischer Sicht rechtfertigt sich das Moralgesetz eben gerade nicht selbst, wird aber auch nicht aufgehoben, sondern wird durch das Evangelium transzendiert und so zum befreienden „neuen Gesetz“. Das Evangelium führt zu einer „kritischen Distanz“ zu jedem Gesetz und damit zu jeder fixierten Norm, wie es Arthur Rich sagt (Rich, 1984, 179ff).

 

- Die philosophische Transzendenz resp. Transzendentalphilosophie weist auf die Bedingungen der Möglichkeit gemeinsamer Werte hin. In dieser Tradition von Kant nennt die Diskursethik „Bedingungen der Möglichkeit gelingender Diskurse“ (Fischer, 2002, 211), wie wir sie z.B. in Ethikkommissionen in pluralistischen Gemeinwesen wie der Schweiz oder der EU führen. Dabei müssen auch nichtreligiöse Wertsysteme zur Normenbegründung immer wieder auf einen Standpunkt ausserhalb ihrer selbst zurückgreifen. John Rawls tut es in seiner berühmten „Theorie der Gerechtigkeit“ im Kunstgriff auf einen theoretischen „Urzustand“, den es nicht gab und nie geben wird (Rawls, 1979, 140ff), Hans Jonas in seiner Verantwortungsethik im Rückgriff auf die „Heuristik der Furcht“ (Jonas, 63), Adam Smith begründet die Ethik des Marktes mit dem berühmten „transzendenten“ Konstrukt der „unsichtbaren Hand“.

 

Wandel durch 11. September und Wirtschaftskrise?

Politische und wirtschaftliche Akteure suchen vermehrt den Einbezug transzendenzbezogener Ansätze der Wertebildung: die Weltbank, das WEF, UNO-Institutionen, die EU, Firmen bei der Erarbeitung von Verhaltenskodizes, Volksbewegungen usw. Dies geschieht teils aus Machtkalkül, teils aber auch aus der Einsicht, dass immanente Normenbegründung ohne diese Dimension zuwenig tragfähig ist. Beispiele für diese Erschütterung sind die Wirtschaftsexzesse mit der Folge von angeschlagenem Vertrauen in Unternehmer oder der 11. September, der deutlich machte, dass der Islam und damit die religiöse Dimension der Entwicklung viel ernster genommen werden muss. Für den Islam wie den Hinduismus ist eine gemeinsame Wertebasis ohne Transzendenzbezug undenkbar.

 

Der „Mehrwert“ theologischer Transzendenz

Theologischer Transzendenzbezug (theonome Wertebildung) kann einen spezifischen Beitrag und dreifachen „Mehrwert“ gegenüber säkularer, autonomer Wertebildung leisten (Stückelberger, 2001, 53; ders.,1997, 226-339):

- Grenzziehung: Z. B. die Aussage „Ich will leben und mein Leben autonom gestalten“ unterscheidet sich von der Aussage „Ich will leben und bin dem Schöpfer dankbar und verantwortlich“ darin, dass bei der zweiten die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf eine fundamentale Grenzziehung mit weitreichenden ethischen Konsequenzen bedeutet, z.B. in der Bioethik.

- Motivation: Die Bilder, Mythen und Symbole religiöser Texte verankern Werte nicht nur kognitiv, sondern ganzheitlich und in den das Verhalten prägenden Tiefenschichten.

- Gemeinschaft: Kirchen und religiöse Gemeinschaften allgemein sind wichtige Kommunikationsgemeinschaften zur Wertebildung und -verankerung.

 

Nicht ob, sondern welche Transzendenz

Transzendenzbezug steht nicht im Widerspruch zum Ziel gemeinsamer Werte in pluralistischer Gesellschaft, sondern bringt uns diesem erst näher, weil sie alle Absolutismen entlarvt und so einen pluralistischen Diskurs aufeinander zu erlaubt. Die Frage ist also nicht, ob Ethik mit oder ohne Transzendenzbezug betrieben werden soll, sondern nur, mit welcher Transzendenz; denn jede Ethik, die eine Letztbegründung sucht, versucht sich auf eine solche ausserhalb des eigenen Bezugsrahmens zu beziehen. Nur tun dies die einen offen und transparent, andere wähnen sich in einer scheinbaren transzendenzlosen, immanent aus der Wirklichkeit herleitbaren normativen Objektivität, die es nicht gibt. Theologische Ethik wie kirchliche ethische Reflexion und Stellungahme haben ideologiekritisch solche falschen Positivismen aufzuzeigen. In Anlehnung an Luther könnte man sagen: Womit du deine Werte begründest, das ist dein Gott. Mit solcher Ideologiekritik soll theologische Ethik wieder mit mehr Bestimmtheit auftreten. Das eingangs zitierte Postulat von Jerôme Vignon „Europäische Ethik ja, aber bitte ohne Transzendenz“ muss deshalb modifiziert werden: Global verbindende Ethik ja, aber bitte mit transparentem Transzendenzbezug!

 

 

Zitierte Werke:

-          Fischer, Johannes: Theologische Ethik, Stuttgart 2002.

-          Hauwerwas, Stanley: Selig sind die Friedfertigen. Ein Entwurf christlicher Ethik, Neukirchen 1995.

-          Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung, Frankfurt a.M. 1984.

-          Müller, Denis: L’éthique protestante dans la crise de la modernité, Paris/Genf 1999.

-          Rawls, John : Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt a.M. 1979.

-          Rich, Arthur : Wirtschaftsethik, Bd. 1 Grundlagen, Gütersloh 1984.

-          Stückelberger, Christoph: Umwelt und Entwicklung. Eine sozialethische Orientierung, Stuttgart 1997.

-          Stückelberger, Christoph: Ethischer Welthandel. Eine Übersicht, Bern 2001 (engl.: Global Trade Ethics, Geneva 2002; franz: Ethique du commerce mondiale, Genf, erscheint 2003).