In Kinshasa im
Gespräch mit Professor Pierre Marini Bodho
Prof. Dr. Christoph Stückelberger, Zentralsekretär von
Brot für alle, Bern
Seit Juli hat die Demokratische Republik Kongo erstmals einen Senat. Die bedeutende „kleine Kammer“ wird vom protestantischen Kirchenpräsidenten und Friedensvermittler Pierre Marini Bodho präsidiert. Der Zentralsekretär von „Brot für alle“, Christoph Stückelberger, befragte ihn vor wenigen Tagen in Kinshasa über seine Ziele als Senatspräsident, die Rolle der Kirchen und seine Einschätzung der kommenden Entwicklung.
„Der 120köpfige Senat der Demokratischen Republik
Kongo RDC hat eine doppelte Aufgabe: in und zwischen den verschiedenen
politischen Institutionen des Landes zu vermitteln und den Entwurf der neuen
Verfassung zuhanden des Parlaments auszuarbeiten.“ Hinter der nüchternen
Antwort des eben frisch gewählten Senatspräsidenten verbirgt sich die
hartnäckige Leidenschaft, durch Vermittlung zum Frieden und zum Wiederaufbau
des Landes beizutragen. Obwohl der protestantische Theologe der neuen Regierung
viel guten Willen zum Neuanfang und zum Wiederaufbau des Landes zubilligt, sei
damit zu rechnen, dass das Land in den nächsten zwei Jahren noch „Zonen mit
Turbulenzen“ zu durchfliegen habe. Er rechnet also damit, als Vermittler tätig
sein zu müssen.
Entscheidend sei dabei, zielstrebig auf Kurs zu
bleiben, um freie und faire Wahlen in zwei Jahren durchführen zu können. Eine
gigantische Bildungsaufgabe in einem Land, das so gross ist wie ganz Westeuropa
von Sizilien bis Kopenhagen und von Schottland bis Belgrad und in dem die
Mehrzahl der Bevölkerung während fast vierzig Jahren Mobutu-Diktatur noch nie
an Wahlen teilnehmen konnte. Für die Wahlvorbereitung müsse nun zuerst ein
Wahlgesetz erarbeitet werden, die Bevölkerung müsse geschult und Wahlbeobachter
ausgebildet werden. „Das schwierigste Problem ist aber festzustellen, wer die
kongolesische Staatsbürgerschaft hat und damit wahlberechtigt ist. In einem
Land mit über 50 Millionen Einwohnern, ohne Volkszählung und vielen
Flüchtlingen ist dies eine grosse Herausforderung. In der Vorbereitung und
Durchführung der Wahlen sind wir natürlich auch auf internationale Hilfe angewiesen.“ Die Bekämpfung der Korruption
sei wichtig für alle Sektoren der Gesellschaft, auch für die Durchführung
fairer Wahlen.
Auf die Frage, weshalb er als Kirchenführer das
höchste Parlamentsamt angenommen habe, antwortet Mgr. Marini. „Wir Kirchen
müssen die Politiker im Kongo begleiten und immer wieder ermutigen,
Friedensschritte zu unternehmen. Unser bisheriges Friedensengagement hat zu
dieser Wahl geführt.“ Der ruhig und besonnen wirkende Mann bezeichnet die
Politiker des kriegsgeschüttelten Landes fast väterlich als „animateurs politiques“
und unterstreicht damit, dass sie dem Wohl des ganzen Landes und nicht nur
Eigeninteressen oder Regionalinteressen zu dienen haben. Eben deshalb haben
sich die Kirchen in die Politik eingeschaltet. Da die Vertreter der verschiedenen
Konfliktparteien nicht bereit gewesen seien, an einen Tisch zu sitzen, hätten
die Religionsgemeinschaften deshalb im Frühling 2000 gemeinsam beschlossen, die
Führer der Konfliktparteien sowie die benachbarten Staatspräsidenten einzeln zu
besuchen. So sei es den Kirchen gelungen, den blockierten Friedensprozess zu
deblockieren. 95 Prozent der Bevölkerung der DRC gehören einer der zahlreichen
christlichen Kirchen an. Marini hatte diese Religionsgemeinschaften an den
Verhandlungen des „partiellen Rahmenabkommens“ vom Frühling 2002 wie des
„umfassenden Abkommens“ vom 17. Dezember 2002 aktiv vertreten.
In seinem Büro im bescheidenen Verwaltungssitz der
„Eglise du Christ au Congo“ ECC in Kinshasa hängt das Kreuz an der Wand und
stehen kleine Flaggen zahlreicher Nationen auf dem Tisch.“ Kann in dieser
Personalunion zwischen Kirchenamt und Parlamentsamt die Kirche noch wo nötig
eine kritische Stimme sein? „Diese berechtigte Frage stellten auch die eigene
Kirche und die Uno (Monuc). Wir engagierten uns ja schon bisher politisch. Das
neue Amt ist nur eine andere Form desselben Dienstes der Kirche in der Welt.
Prioritär ist, dass wir uns alle nun gemeinsam für das Volk engagieren. Falls
es Differenzen gibt, wird uns Gott die Weisheit geben, als Kirche wo nötig kritisch
zu sein.“ „Ohne die Kirchen läuft nichts im Kongo“, sagt Marini mit bestimmter
und zugleich besorgter Miene. Denn darin spiegle sich auch die Schwäche des
Staates. Sehr dringend sei deshalb, jetzt rechtsstaatliche Verhältnisse in
allen Bereichen herzustellen. Ein Investitionskodex sei der erste Schritt. „All
die zahllosen informellen Aktivitäten müssen jetzt wieder in den formellen
Bereich zurückkehren. Ohne Recht und Gerechtigkeit gibt es immer Unordnung.
Ohne Recht und soziale Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden“, meint der
Alttestamentler mit Berufung auf das Alte Testament. Es sei nun Aufgabe des
Parlaments, die Entwicklung des Rechtsstaates voranzutreiben und zu überwachen.
Auch die zivilgesellschaftlichen Institutionen einschliesslich der Kirchen müssten
nun transparent und korruptionsfrei geführt werden.
Gegenüber der Schweiz ist Marini dankbar für die
bereits geleistete Unterstützung der kongolesischen „Kommission für Wahrheit
und Versöhnung“ durch den Bund und für die langjährige Unterstützung von
Schweizer Hilfswerken und Missionen. Er hofft zusätzlich auf Hilfe bei der
Rückführung der Mobutu-Gelder und anderer Fluchtgelder in den Kongo. „Diese im
Ausland platzierten Gelder müssen ins Land zurückkehren, um unser Land
entwickeln zu helfen.“ Marini hofft auch, dass die Schweiz ihre Erfahrung in
der Wahlvorbereitung und -beobachtung dem Kongo zur Verfügung stellt.
Kasten:
Pierre Marini Bodho, 65, ist seit Juli 2003 Präsident
des erstmals gebildeten Senats der Demokratischen Republik Kongo DRC. Er ist
zugleich seit 1998 Präsident der Eglise du Christ au Congo ECC. Dieser Dachverband
von 64 evangelischen Kirche der RDC vertritt mit gegen 25 Millionen Mitgliedern
rund 40 Prozent der Bevölkerung. Der Theologieprofessor für Altes Testament
promovierte in Paris und kennt auch die Schweiz gut. Marini war prägendes
Mitglied des innerkongolesischen Friedensprozesses der letzten Jahre. Der siebenfache
Familienvater ist zudem Präsident des interkonfessionellen Programms gegen Aids
im Kongo.