Artikel in „Der Bund“, Bern 28. Juli 2003

 

In Kinshasa im Gespräch mit Professor Pierre Marini Bodho

 

Ein protestantischer Kirchenführer und Politiker

 

Prof. Dr. Christoph Stückelberger, Zentralsekretär von Brot für alle, Bern

 

Seit Juli hat die Demokratische Republik Kongo erstmals einen Senat. Die bedeutende „kleine Kammer“ wird vom protestantischen Kirchenpräsidenten und Friedensvermittler Pierre Marini Bodho präsidiert. Der Zentralsekretär von „Brot für alle“, Christoph Stückelberger, befragte ihn vor wenigen Tagen in Kinshasa über seine Ziele als Senatspräsident, die Rolle der Kirchen und seine Einschätzung der kommenden Entwicklung.

 

„Der 120köpfige Senat der Demokratischen Republik Kongo RDC hat eine doppelte Aufgabe: in und zwischen den verschiedenen politischen Institutionen des Landes zu vermitteln und den Entwurf der neuen Verfassung zuhanden des Parlaments auszuarbeiten.“ Hinter der nüchternen Antwort des eben frisch gewählten Senatspräsidenten verbirgt sich die hartnäckige Leidenschaft, durch Vermittlung zum Frieden und zum Wiederaufbau des Landes beizutragen. Obwohl der protestantische Theologe der neuen Regierung viel guten Willen zum Neuanfang und zum Wiederaufbau des Landes zubilligt, sei damit zu rechnen, dass das Land in den nächsten zwei Jahren noch „Zonen mit Turbulenzen“ zu durchfliegen habe. Er rechnet also damit, als Vermittler tätig sein zu müssen.

 

Entscheidend sei dabei, zielstrebig auf Kurs zu bleiben, um freie und faire Wahlen in zwei Jahren durchführen zu können. Eine gigantische Bildungsaufgabe in einem Land, das so gross ist wie ganz Westeuropa von Sizilien bis Kopenhagen und von Schottland bis Belgrad und in dem die Mehrzahl der Bevölkerung während fast vierzig Jahren Mobutu-Diktatur noch nie an Wahlen teilnehmen konnte. Für die Wahlvorbereitung müsse nun zuerst ein Wahlgesetz erarbeitet werden, die Bevölkerung müsse geschult und Wahlbeobachter ausgebildet werden. „Das schwierigste Problem ist aber festzustellen, wer die kongolesische Staatsbürgerschaft hat und damit wahlberechtigt ist. In einem Land mit über 50 Millionen Einwohnern, ohne Volkszählung und vielen Flüchtlingen ist dies eine grosse Herausforderung. In der Vorbereitung und Durchführung der Wahlen sind wir natürlich auch auf  internationale Hilfe angewiesen.“ Die Bekämpfung der Korruption sei wichtig für alle Sektoren der Gesellschaft, auch für die Durchführung fairer Wahlen.

 

Auf die Frage, weshalb er als Kirchenführer das höchste Parlamentsamt angenommen habe, antwortet Mgr. Marini. „Wir Kirchen müssen die Politiker im Kongo begleiten und immer wieder ermutigen, Friedensschritte zu unternehmen. Unser bisheriges Friedensengagement hat zu dieser Wahl geführt.“ Der ruhig und besonnen wirkende Mann bezeichnet die Politiker des kriegsgeschüttelten Landes fast väterlich als „animateurs politiques“ und unterstreicht damit, dass sie dem Wohl des ganzen Landes und nicht nur Eigeninteressen oder Regionalinteressen zu dienen haben. Eben deshalb haben sich die Kirchen in die Politik eingeschaltet. Da die Vertreter der verschiedenen Konfliktparteien nicht bereit gewesen seien, an einen Tisch zu sitzen, hätten die Religionsgemeinschaften deshalb im Frühling 2000 gemeinsam beschlossen, die Führer der Konfliktparteien sowie die benachbarten Staatspräsidenten einzeln zu besuchen. So sei es den Kirchen gelungen, den blockierten Friedensprozess zu deblockieren. 95 Prozent der Bevölkerung der DRC gehören einer der zahlreichen christlichen Kirchen an. Marini hatte diese Religionsgemeinschaften an den Verhandlungen des „partiellen Rahmenabkommens“ vom Frühling 2002 wie des „umfassenden Abkommens“ vom 17. Dezember 2002 aktiv vertreten.

 

In seinem Büro im bescheidenen Verwaltungssitz der „Eglise du Christ au Congo“ ECC in Kinshasa hängt das Kreuz an der Wand und stehen kleine Flaggen zahlreicher Nationen auf dem Tisch.“ Kann in dieser Personalunion zwischen Kirchenamt und Parlamentsamt die Kirche noch wo nötig eine kritische Stimme sein? „Diese berechtigte Frage stellten auch die eigene Kirche und die Uno (Monuc). Wir engagierten uns ja schon bisher politisch. Das neue Amt ist nur eine andere Form desselben Dienstes der Kirche in der Welt. Prioritär ist, dass wir uns alle nun gemeinsam für das Volk engagieren. Falls es Differenzen gibt, wird uns Gott die Weisheit geben, als Kirche wo nötig kritisch zu sein.“ „Ohne die Kirchen läuft nichts im Kongo“, sagt Marini mit bestimmter und zugleich besorgter Miene. Denn darin spiegle sich auch die Schwäche des Staates. Sehr dringend sei deshalb, jetzt rechtsstaatliche Verhältnisse in allen Bereichen herzustellen. Ein Investitionskodex sei der erste Schritt. „All die zahllosen informellen Aktivitäten müssen jetzt wieder in den formellen Bereich zurückkehren. Ohne Recht und Gerechtigkeit gibt es immer Unordnung. Ohne Recht und soziale Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden“, meint der Alttestamentler mit Berufung auf das Alte Testament. Es sei nun Aufgabe des Parlaments, die Entwicklung des Rechtsstaates voranzutreiben und zu überwachen. Auch die zivilgesellschaftlichen Institutionen einschliesslich der Kirchen müssten nun transparent und korruptionsfrei geführt werden.

 

Gegenüber der Schweiz ist Marini dankbar für die bereits geleistete Unterstützung der kongolesischen „Kommission für Wahrheit und Versöhnung“ durch den Bund und für die langjährige Unterstützung von Schweizer Hilfswerken und Missionen. Er hofft zusätzlich auf Hilfe bei der Rückführung der Mobutu-Gelder und anderer Fluchtgelder in den Kongo. „Diese im Ausland platzierten Gelder müssen ins Land zurückkehren, um unser Land entwickeln zu helfen.“ Marini hofft auch, dass die Schweiz ihre Erfahrung in der Wahlvorbereitung und -beobachtung dem Kongo zur Verfügung stellt.

 

 

Kasten:

Pierre Marini Bodho, 65, ist seit Juli 2003 Präsident des erstmals gebildeten Senats der Demokratischen Republik Kongo DRC. Er ist zugleich seit 1998 Präsident der Eglise du Christ au Congo ECC. Dieser Dachverband von 64 evangelischen Kirche der RDC vertritt mit gegen 25 Millionen Mitgliedern rund 40 Prozent der Bevölkerung. Der Theologieprofessor für Altes Testament promovierte in Paris und kennt auch die Schweiz gut. Marini war prägendes Mitglied des innerkongolesischen Friedensprozesses der letzten Jahre. Der siebenfache Familienvater ist zudem Präsident des interkonfessionellen Programms gegen Aids im Kongo.