Beitrag für Jahrbuch Schweiz-Dritte Welt 2003
Prof. Dr. Christoph Stückelberger, Zentralsekretär Brot für alle und Professor für Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Basel
Das Max-Havelaar-Label nicht nur für Kaffee und Honig, sondern auch für fair produzierte Handys; ein Verhaltenskodex wie „Clean Clothes“ nicht nur für saubere Textilien, sondern auch für sauber recherierte und fair dargestellte Medienberichte; eine schwarze Liste von privatisierten Telekomunternehmen, die anlässlich der Privatisierung hohe Schmiergeldzahlungen an Telekom-Minister zahlten, um den Zuschlag zu bekommen; ein Kaktus für Medien, die sich kritiklos in die Kriegspropaganda der einen oder andern Seite im Irak-Krieg einspannen liessen; ein Firmenlabel für seriöse Verlagshäuser; ein Havelaar-Gütesiegel für eine Telekomkette, die in ihrer Preispolitik Telekomverbindungen in ländliche Gebiete und ärmere Länder vergünstigt und dies mit einem kleinen Zuschlag auf rentablen Linien zwischen Grossstädten finanziert.
Was für Nahrungsmittel und Textilien sich bewährt, ist auch für Information und Kommunikation möglich: Fairer Handel mit Kommunikationstechnologien wie auch mit Informationsinhalten. Verhaltenskodices und Leitbilder für Verleger und Journalisten bestehen und können weiterentwickelt werden. Die Kriterien für faire Arbeitsbedingungen und faire Preisbildung zur Herstellung von Handies und Computern sind nicht grundsätzlich anders als jene für ein T-Shirt oder von Orangensaft. Die unabhängige, glaubwürdige Kontrolle (Monitoring und Verifikation) ist aber auch im Informations- und Kommunikationsbereich eine grosse Herausforderung und anspruchsvolle Aufgabe. Sie würde den positiven Wettbewerb um ethische Standards in diesem Bereich fördern.
Das Bewusstsein, dass Information und Kommunikation ein sehr hohes, lebenswichtiges Gut ist und mehr als eine Ware, kann und muss mit einem gezielten „Fairen Handel mit Information“ gefördert werden. Faire Kommunikation ist Teil des fairen Wirtschaftens. Fair Wirtschaften, gerechte Wirtschaftsbeziehungen ist der entwicklungspolitische Schwerpunkt voin „Brot für alle“. Es ist dabei kein Zufall, sondern entspricht einer inneren Logik, dass „Brot für alle“ in diesem Schwerpunkt fünf miteinander verbundene Teilbereiche bearbeitet: fairer Handel mit Gütern/Dienstleistungen, fairer Handel mit Kapital (ethische Geldanlagen, Entschuldung), fairer Handel mit Information und Kommunikation (NTIC), Korruptionsbekämpfung und Förderung der Wirtschaftsethik im Süden. All dies sind zentrale Teile gerechter Austauschverhältnisse. Dabei betont „Brot für alle“, dass der Zugang zu Information und Kommunikation wie bei andern Gütern fair sein soll. Zugleich ist Information und Kommunikation weit mehr als ein Handelsgut. Viele kulturelle, ethische, religiöse, gesellschaftliche Entwicklungen werden dadurch geprägt und sind zu berücksichtigen. Deshalb setzt sich „Brot für alle“, u.a. der Zentralsekretär als Ethiker, auch für medienethische Aspekte ein. Der Weltgipfel im Dezember 2003 soll sich deshalb auch nicht nur mit den technischen Seiten der NTIC, sondern mit deren gesellschaftlichen Implikationen auseinander setzen.
Die Entwicklungsprojekte zeigen die Ambivalenz der NTIC: sie können durch deren Machtkonzentration, kriminellen Missbrauch, die Vertiefung des digitalen Grabens u.a. die Schere zwischen arm und reich weiter öffnen. Sie können aber auch die Gemeinschaftsbildung fördern, die Kommunikation und Armutsbekämpfung wesentlich unterstützen, demokratische Partizipation und Transparenz erhöhen und dem Frieden dienen. Dann und nur dann können die NTIC einen Dienst für eine gerechte, nachhaltige, friedvolle und partizipative Entwicklung leisten. Für eine solche Nutzung der NTIC setzt sich „Brot für alle“ seit einem Vierteljahrhundert ein.
„Brot für alle“, der Entwicklungsdienst der Evangelischen Kirchen der Schweiz, engagiert sich seit 1975 im Bereich der Informations- und Kommunikationsprojekte im Dienste der Entwicklung. Der frühere und langjährige Zentralsekretär Hans Ott begann damals die Unterstützung von Medienprojekten in Taiwan zur Herstellung von Radiokassetten, für die Lancierung der Tageszeitung „Wantok“ (one talk) in Papua Neuguinea, für Journalistenausbildung und Aufbau von Radiosendern in Afrika u.a. Dies geschah in Zusammenarbeit mit HEKS und Missionen wie der damaligen Basler Mission, insbesondere aber über die World Association for Christian Communication WACC, in deren internationalem Vorstand er Mitte der 70er bis Mitte der 80er Jahre mitwirkte. Neben der Unterstützung von Medienprojekten, die seit Mitte der 70er Jahre ohne Unterbruch bis heute andauert, beteiligte sich Brot für alle seit anfangs der 80er Jahre an der entwicklungspolitischen Debatte über eine neue Weltkommunikationsordnung vor und nach dem berühmten McBride-Bericht (zum Beispiel mit den Aufsätzen „Sind Satelliten Entwicklungshelfer?“ von Hans Ott und „Kein Interesse an einer neuen Weltkommunikationsordnung“ von Urs A. Jaeggi, beide erschienen in der Zeitschrift Reformatio Juli/August 1982).
Nach einer Verlagerung des entwicklungspolitischen Schwerpunkts von „Brot für alle“ zu Fragen des Fairen Handels trat das Kommunikationsthema entwicklungspolitisch in den 90er Jahren in den Hintergrund, wobei die Projekte immer weitergeführt wurden. Die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien NTIC wurden aber Ende 1999 gemeinsam mit dem Fastenopfer durch den Beschluss wieder aufgenommen, die gemeinsame nationale Aktion 2002 dem Thema zu widmen. Mit dem Thema „Viele Stimmen – eine Welt“ („Partager la communication“) wurde u.a. mit einer Unterschriftenaktion an Bund, Telecomfirmen und Medienschaffende/Verleger die Forderung nach „Kommunikation für alle“ gestellt. „Kommunikation ist ein Menschenrecht. Zugang zu Kommunikationsmitteln ist ein entscheidender Entwicklungsfaktor für Menschen benachteiligter Länder.“ Diese Kernforderung wurde konkretisiert z.B. durch die Aufforderung an die Schweizer Regierung, mehr Mittel der Entwicklungszusammenarbeit für den Zugang zu Kommunikationstechnologien in Entwicklungsländern einzusetzen, durch das Anliegen an die Telecomfirmen, in ihrer Tarifpolitik wirtschaftlich schwächere Regionen im In- und Ausland etc. zu berücksichtigen, durch die Aufforderung an die Medien, die „Kommunikationscharta der Völker“ als publizistische Richtlinie zu respektieren.
Nutzen wir den Weltgipfel für die Informationsgesellschaft im Dezember 2003 als Chance, den Fairen Handel mit Information und Kommunikation zu fördern!
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