Erschienen
in Reformierte Presse Nr. 40, 3. Oktober 2003
zu Annex 38/2003, 19.9.2003 Artikel
„2050: 10 Millarden Menschen – ein heisses Eisen“
Ich danke
Silivia Senz dafür, in ihrem Beitrag die Bevölkerungsfrage aufgenommen zu
haben. In der Tat ist dies immer noch ein zentrales Entwicklungsproblem. Wir
müssen „die Diskussion entideologisieren“, wie sie zusammenfassend schreibt. In
einem Punkt allerdings ist der Artikel ungenügend recherchiert und falsch:
„Kirchliche wie säkulare Hilfswerke ... schenken Bevölkerungsfragen zu wenig
Beachtung, ja tabuisieren sie sogar.“ Brot für alle wie Heks und die Missionen
schenkt der Frage seit zehn Jahren sehr wohl Beachtung:
·
In sämtlichen Gesundheitsprogrammen
(Spitäler, Gesundheitsdienste), die Brot für alle besonders über die Missionen
unterstützt, ist Familienplanung, Empfängnisverhütung, Abgabe von Kondomen und
Beratung ein integrierter Bestandteil. Ich konnte viele dieser Programme im
Laufe der letzten zehn Jahre besuchen und war immer wieder beeindruckt von der
Ernsthaftigkeit der Bemühungen in diesem Bereich.
·
Auch die Programme zur Nahrungsmittelsicherung,
die Brot für alle über HEKS und die Missionen unterstützt, leisten einen
wesentlichen Beitrag zur Bevölkerungsstabilisierung, denn es ist erwiesen, dass
die Reduktion der durch Mangel- und Fehlernährung provozierten
Kindersterblichkeit mittelfristig die Kinderzahl, die eine soziale Sicherheit
darstellt, reduziert.
·
Am wichtigsten sind aber die
Programme zur Ausbildung von Mädchen. Durch viele Studien ist seit
langem erwiesen, dass die Schulbildung von Mädchen der wirkungsvollste Beitrag
zur Bevölkerungsstabilisierung ist. Mit jedem Jahr, das sie länger zur Schule
gehen, verschiebt sich der Zeitpunkt des Kinderkriegens. Wenn umgekehrt
Schulsysteme im Argen liegen, wie ich das kürzlich im Kongo wieder gesehen
habe, dann erhöht sich das Risiko eines erneuten Bevölkerungswachstums durch
Frühschwangerschaften usw.
·
Brot für alle hat sich an der
Weltbevölkerungskonferenz 1994 in Kairo entschieden für die
Bevölkerungsstabilisierung eingesetzt, durch das Büchlein „Wenig Kinder – viel
Konsum?“ wie auch dadurch, dass ein BFA-Mitarbeiter als Mitglied der Schweizer
Delegation an der Weltkonferenz aktiv mitwirkte.
·
„Setze Dich für eine Stabilisierung
der Weltbevölkerung und des Ressourcenverbrauchs ein, damit Dein persönliches
Masshalten nicht ständig wirkungslos gemacht wird.“ Diese ethische
Doppelforderung formulierte ich in meinem Buch „Umwelt und Entwicklung. Eine sozialethische
Orientierung“ (Kohlhammer 1997, S. 330). Lebensstil und Bevölkerungsfragen
gehören untrennbar zusammen. Beides ist gleichzeitig anzupacken. Studien
zeigen, dass die Erde zehn Milliarden Menschen mit dem Lebensstil indischer
Bauern gut ertragen könnte. Gemäss einer FAO-Studie könnte allein der Kongo
Nahrungsmittel für zwei Milliarden (!) Menschen produzieren Doch mit unserem
„entwickelten“ Lebensstil sind schon die heutigen sechs Milliarden Menschen zu
viel.
Das
Problem liegt nicht darin, dass die kirchlichen Hilfswerke zu wenig zur
Verminderung der Bevölkerungszunahme tun, sondern dass sie zu wenig explizit
davon reden. In diesem Sinne ist der Artikel im Annex ein Anstoss, dies
vermehrt zu tun. Brot für alle ist gerne bereit, dazu auch in den Gemeinden
Rede und Antwort zu stehen.
Christoph
Stückelberger, Zentralsekretär Brot für alle